Zweyter Abschnitt. -6z
sein Anbether machte die prächtigsten Abbildungenvon ihm. Er war auch nicht so müßig; denn erwar die Seele der Welt, und hatte also viele wich-tige Geschäffte. Allein sein Unglück war, daß ermit einem unauflöslichen Bande an die Materie ver-knüpft war, und den Gesetzen einer ewigen unverän-derlichen Nothwendigkeit so gut, als andere^ Wesengehorchen mußte. Weil der Scoiker sah, daß derMensch vielen unangenehmen Empfindungen ausge-setzt war: so glaubte er, daß die Glückseligkeit einesWeisen in dem Zustande einer vollkommenen Unem-pfindlichkeit gegen alles bestünde. Nach diesemGrundsätze muß man seine ganze Msral beurthei-len, wenn man nicht von ihrem schwülstigen Vor-trage hintergangen werden will. Der plaroiükerschien noch die beste und erträglichste Religion zuhaben. Sein Gott war ewig; er war weise undmachtig; er halte die vollkommenste Welt, die nurmöglich war, gemacht; er hatte unsre Seelen un-sterblich erschaffen. Dieser Weise läßt die Tugend-haften nach dem Tode noch etwas hoffen , und dieLasterhaften noch etwas befürchten. Allein, alles die-ses muthmaßct er mehr, als daß er es weis- Erhat keine festen und bestimmten Grundsätze, worauf ^er diese Wahrheiten bauet. Sein Gott hätte nichtsschaffen können, wenn er keine ewige Materie vor sichgefunden hätte. Sein Gott weis nicht alles; erkann nicht alles Fehlerhafte der Materie ändern, undüber dieses ist er in einen gewissen Raum eingeschlossen,und also weder unendlich noch unermeßlich. SeineLehre von dem 5eibe, daß er ein Kerker der Seelesey, führete zu einer Sittenlehre, die eben so leichtSchwärmer erzeugen konnte, als die morgenländische
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