Zweyter Abschnitt. 427
Man kann daraus sehen, wie sehr diejenigenchristlichen Gemeinen irren, welche behaupten, daß diegöttliche Offenbarung nicht alle zu unserer Seligkeitnöthige Lehren enthalte; daß es vielmehr Lehren gä-be, welche aus einer geheimen Tradition entlehnetwerden müßten, die von einem Bischof auf den an-dern, und von einer Kirche auf die andre fortgepflanzetscmi soll; und daß besonders die Kirche in Rom alsdie getreuste und unfehlbarste Verwahrerinn dieserheiligen und so nothwendigen mündlichen Sagen an-zusehen sey. Die angeführten Zeugnisse widerlegendiese Meynung so offenbar, daß alle Mühe, Hie mananwendet, sie dawider zu retten, ein vergebliches undfruchtloses Unternehmen ist. Es ist wahr, daß sichdie Väter der ersten Kirche zuweilen auf die Traditionberufen. Allein wenn sie es zum Beweise einigerLehren thun: so verstehen sie nichts anders, als diein der heiligen Schrift enthaltenen Lehren darunter.Die meisten Irrgläubigen, welche ihre Irrthümernicht aus der heiligen Schrift beweisen konnten, be-riefen sich auf einen geheimen Unterricht, der von denAposteln bis auf sie fortgepflanzet worden senn sollte.Irenaus antwortete ihnen, daß wenn die Apostel jaeinige Geheimnisse gehabt hätten, weiche sie nur de»c-5Allervollkommensten hätten anvertrauen wollen: sowürden sie diese Geheimnisse den Aufsehern der erstenKirchen anvertrauet haben, weil sie die vollkommen-sten und untadclhaftesten Personen dazu wähleten.Deswegen verwies er die Irrgläubigen an die apo-stolischen Kirchen. Die Antwort war vortrefflich.Allein beweist sie nicht zugleich, daß man in der er-sten Kirche nichts von geheimen Lehren gewußt habe,welche nur gewissen Personen hätten anvertrauet wer-den