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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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gemein zu machen: so sucht er sie den herrschenden Lehr-sätzen aller Partheyen anzupassen, sie ihnen allen für ihreMeynung günstig und vortheilhast zu zeigen, um sichaller Beyfall zu verschaffen. Er nahm ihre Lehrsatzeals Voraussetzungen an, nnd legte ihnen einen crtragli-,zchcn Sinn bey, nach dem er sie mit seinem System ver-glich, ohne ihnen selbst beyzupflichten.,, Erscheinet,in diesem Urtheile, der Philosoph nicht ein wenig zu eitel?Werden seine Gcsinnnngen gegen die Religion überhauptnicht dadurch verdachtiger gemacht, als es der Religionselbst zuträglich ist? Beides ist ganz gewiß des HerrnEberhard Absicht nicht gewesen. Aber es ist unleug-bar, daß er sich hier nicht durchgangig so glücklich und be-stimmt ausgedrückt hat, als er sich sonst auszudrückenpflegt. Denn so eingenommen man sich auch Leibnitzcnfür seine Philosophie denken darf, oder will: so kann mandoch wahrlich nicht sagen, daß er sie den herrschendenLehrsätzen aller Partheyen anzupassen gesucht habe. Wiewäre das auch möglich gewesen? Wie hatte es ihm ein-kommen können, mit einem alten Sprichworte zu reden,dem Mond ein Kleid zu machen? Alles, was er zum Be-sten seines Systems dann und wann that, war geradedas Gegentheil: er suchte die herrschenden Lehrsätze allerPartheyen seinem Systeme anzupassen. Ich irre michsehr, oder beides ist nichts weniger als einerley. >L.eib-rtty nahm, bey seiner Untersuchung der Wahrheit, nieRücksicht auf angenommene Meynungen; aber in der fe-sten Ueberzeugung, daß keine Meynung angenommen seynkönne, die nicht von einer gewissen Seite, in einem gewis-sen Verstände wahr sey, hatte er wohl oft die Gesallig-

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