Zeitschrift 
Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
Seite
220
Einzelbild herunterladen
 

( 220 )

sich schlechterdings nichts darüber bestimmen lasse. Dennwenn jene rächende Gerechtigkeit, Gott wirklich zukommt:welcher endliche Verstand kann ihre Gränzen bezeichnen?Wer darf sich zu entscheiden wagen, was für einen Maaßstaösie bey diesen ihren Strafen anzimehmcn habe, und wasfür einen nicht? Der Maaßstab ihrer eignen Unendlich-keit ist wenigstens eben so wahrscheinlich, als jeder andere.

IV. Aber wozu dieses altes? Will ich Leibnißen innoch grössern Verdacht bringen, daß er den Orthodoxennur geheuchelt habe? oder will ich ihn in allem Erliste,bis zum Aergerniß unsrer Philofophen, orthodor machen?Keines von beiden. Ich gebe es zu, daß i!.eibniy dielehre von der ewigen Verdammung sehr exorerisch be-handelt hat; und daß er sich esoterisch ganz anders dar-über ausgedruckt haben würde. Allein ich wollte mirnicht, daß man dabey etwas mehr als Verschiedenheitder Lehrart zu sehen glaubte. Ich wollte nur nicht, daßman ihn geradezu beschuldigte, er sey in Ansehung deriehrc selbst mit sich nicht einig gewesen; indem erste öf-fentlich mit den Worten bekannt, heimlich und im Grun-de aber geleugnet habe. Denn das wäre ein wenig zu arg,und liesse sich schlechterdings mit keiner didaktischen Politik,mit keiner Begierde, allen alles zu werden, entschuldigen.Vielmehr bin ich überzeugt, und glaube es erweisen zukönnen, daß sich L.eibniy nur darum die gemeine Lehrevon der Verdammung, nach allen ihren eroterischen Grün-den, gefallen lassen; ja gar sie lieber noch mit neuen be-stärkt hatte: weil er erkannte, daß sie mit einer grossenWahrheit seiner esoterischen Philosophie mehr überein-stimme,