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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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mit aller Sicherheit annehmen, daß die in der Schriftgedrohten Strafen keine andere sind, als die natürlichen,welche auch ohne diese Androhung auf die Sünde folgenwürden. Wenn aber eine höhere Weisheit eine derglei-chen ausserordentliche Androhung noch für nöthig gehal-ten hat: so hat sie für eben so zuträglich erkannt, sich ganznach unsern gegenwartigen Empfindungen davon auszu-drücken. Und hier, denke ich, stehen wir an der Quelle,woraus alle die Schwierigkeiten geflossen sind, warumman die Ewigkeit der Vcrdammniß leugnen zu müssen ge-glaubt. Andem nehmlich die Schrift, um die lebhaftesteVorstellung von jener Unglückseligst zu erwecken, dieauf die -lasterhaften wartet, fast alle ihre Bilder von demkörperlichem Schmerze hernahm , mit dem alle Menschenohne Ausnahme am bekanntesten sind : so hat man, wennauch nicht die körperlichen Schmerzen selbst, wenigstensderen Beschaffenheit und Verhältniß zu unserer' Natur,nicht für das Bild, sondern für die Sache selbst genom-men , und aus diesem falschen Begriffe etwas bestritten,was auf alle Weise gegründeter ist, als dieser Begriff»So sind, aus Strafen , O.üalcn; aus O.ualen, ein Au-stand von Qualen; aus der Empfindung eines solchenAustandcs, eine alles andere ansschliessende, unsers gan-zen Wesens sich bemächtigende Empfindung geworden.Kurz, die intensive Unendlichkeit, die man, mehr oderweniger , stillschweigend oder ausdrücklich, den Strafender Hölle nnbedachtsam beygelegt, oder gar beylegen zumüssen geglaubt; diese weder in der Vernunft noch in derSchrift gegründete intensive Unendlichkeit allein ist es,welche die unendliche Dauer derselben so unbegreiflich, mit

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