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können in'S Himmelreich nicht kommen, sagt derselbe Apostel. Und eben so nicht dieUnreinen, die Unzüchtigen nnd Ehebrecher. Oder wie dürfte sich ein solcher nebenden heiligen Aloisius im Himmel hinstellen, der mehrere Jahre bei der Königin vonSpanien Edelknabe war, aber ein so reines Herz hatte, nnd in diesem Puncte sovvrsichlig war, daß er während seines Aufenthaltes am spanischen Hofe die Königinniemals anschaute und immer mit gesenktem Blicke einherging, so daß er nachher nichteinmal sagen konnte, wie die Königin aussah? — Oder wie dürste sich ein frecbeS,unverschämtes Frauenzimmer auch nur einfalle» lassen, dereinst neben jenen lilienreinenJungfrauen sitzen zu dürfen, die sich lieber die Zunge abbissen und dem Wüstlingein'S Gesicht spieen, als ihrer Unschnle- Gewalt anthun ließen? Nein! Da wären alleHeiligen nnd Märtyrer Thoren gewesen, wenn sie viele Jahre sich Gewalt anthatenund wider ihre bösen Leidenschaften stritten und kämpften, — wenn man ans eineleichtere Manier und trotz allen möglichen Sünden inS Himmelreich gelangen könnte.Du darfst also nicht nachahmen das Thier, welches seinen brennenden Begierden freienLauf läßt, eben weil cö ein Thier ist. Aber was das Essen und Trinken anbelangt,da will ich Dir daS Thier als Muster anempfehlen. Sieh, daS Thier ißt und trinktnur, bis es satt ist; eS rührt auch nichts Schädliches an, davor warnt es schon seinnatürlicher Instinkt. Darum bleibt es in frischer, freier Natur immer gesund undwohl, weil es sich des Guten nicht zu viel thut. Aber den Menschen befallen wegenseiner Unmäßigkeit nicht nur manche Krankheiten und Katzenjammer, sondern auch inder Seele nagt es wie ein Wurm. Also nicht einmal eine zeitliche, dauernde Se!igkeitkannst Du auf diesem Wege erlangen. Ja, je mehr der Mensch ißt nnd trinkt nndsich gütlich ihnt, desto weniger ist er damit zufrieden; wenn er ganze Fässer vollhinunterschluckt, so ist das mir ein Tropfen Wasser auf einen heißen Backstein. Hörenoch! wenn Du nur zum Genusse ans dieser Welt wärest, dann hätte Dir Gott nichteinen geraden, aufwärts zum Himmel gerichteten Leib, nicht Verstand, Vernunft undeine unsterbliche Seele gegeben, sondern Haare wie dem Roß nnd dem Ochs und demEsel, vder Borsten und einen Rüssel znm Wühlen in der Erde wie einem andernschmutzigen Thier.
Ich will Dir noch einen andern falschen Weg beschreiben, aus dem man ebenfallsnicht zur Seligkeit gelangen kann.
Viele streben nämlich nach Ruhm, Ehre, Ansehen und Reichthum.Viele kennen nämlich kein höheres Glück, als wenn sie Gemeindcrath, Bürgermeister,Deputirtcr, Minister, König oder Kaiser werden könnten, — oder wenn sie nureinen Teich voll Kronenlhaler hätten. Dagegen sage ich: einmal geschieht es nurselten, daß Einer etwas HoheS wird. Und wenn er das auch erreicht hat, wornachihn so sehr gelüstet, ist er dann wahrhaft glücklich? Nein! DaS will ich Dir ineinigen Erempeln nachweisen. Lange schon vor Christi Geburt lebte ein gewaltigerKönig, Alexander der Große hieß er. Der hatte ungeheure Eroberungen gemacht,und doch weinte er wie ein kleines Kind, weil er nicht die ganze Welt erobernkonnte. Dieser König war also bei all' seinem Reichthum und all' seiner Pracht nichtglücklich. Zuletzt wurde er noch vergiftet und seine Feldherren theilten dann daS großeReich unter sich. So hat also jeder Reiche und Vornehme seine Neider, nnd lachendeErben warten täglich auf seinen Tod. — Napoleon hatte sich vom gemeinenSoldaten zum Kaiser emporgeschwungen. Ganz Europa zitterte damals vor ihm,denn er vertheilte die Königreiche nach Belieben und zerstörte Alles mit Gewalt, wasseinen ehrgeizigen Plänen im Wege stand. Aber wie ist es ihm ergangen? Er stürzteherab von seinem Throne und wurde auf einer einsamen Felseninsel als Gesangenerbewachr, und starb verlassen von Allen. — Kaiser Carl V., der vor dreihundertJahren lebte, besaß die schönsten und reichsten Länder, er war Herr über zweiWelttheile. Es war sprichwörtlich: „daß die Sonne in seinem Reiche nie untergehe."Und doch fühlte er sich nicht glücklich. Da legte er nun seine Regentschaft nieder,entsagte allen seinen Reichthümern und begab sich in ein Kloster. Hier beschäftigteer sich mit Verfertigung von Uhren; aber weil er nicht machen konnte, daß nur zwei