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FranciscuS wollte das Weihnachtsfest des Jahres 1223 auf eine eben so sinnige,als eigenthümliche Weise feiern und sich ganz in die Zeit und Umstände zurückver-setzen, wo der Heiland geboren wurde. Er bat deßhalb den Papst um Erlaubniß,seinen Entschluß auszuführen, verließ zu Anfang des Monats December Rom, undbegab sich nach Greccia, einem Orte im Thale von Rieti , nicht weit von dieser Stadtentfernt. Da wohnte ein angesehener Mann, Namens Johannes, von gutem Rufeund noch besserem Leben. Diesen ließ FranciscuS, der demselben seiner ausgezeichnetenEigenschaften wegen mit vorzüglicher Liebe zugethan war, fünfzehn Tage vor der Ge-burtsfcier des Herrn zu sich kommen und sprach zu ihm: Johannes, wenn du willst,daß wir bei Greccia Weihnachten halten, so rüste eilig Alles, wie ich eS dir sagenwerde. Ich möchte nämlich das Gedächtniß des Jesukindes feiern, und dieNoth seiner Kindestage, wie es zwischen dem Ochsen und Esel auf Heu hingelegtwar*), wie mit meinen eigenen Augen sehen. Und nun bezeichnete FranciscuS dieAnstalten, die Johannes treffen sollte. Dieser ordnete Alles dem Wunsche des Hei-ligen gemäß.
Der Tag der Freude nahte heran. Aus vielen Orten wurden die Ordensbrü-der des heiligen FranciscuS herbeigerufen. Männer und Weiber bereiteten mit jubeln-der Seele Fackeln, um die Nacht zu erhellen, in welcher das Licht der Welt auf-gegangen war über der Erde. An einer Stelle des felsigen Thales wird eine Krippehergerichtet, Heu wird herzugetragen, der Ochs und Esel herbeigeführt. Greccia istein neues Bethlehem . Die Nacht wandelt sich um in einen helllichten Tag. Wieeinst die frommen Hirten, so eilen jetzt die Schaaren des gläubigen Volkes zur armenKrippe hin, und jubeln mit nie gefühlter heiliger Freude dem so lebhaft vergegenwär-tigten Geheimniß der Menschwerdung GotteS entgegen. Die Wälder wie-derhallen von klangvollen Stimmen',, und die Brust der Felsen erwidert den tausend-fältigen Jubelruf der Gott preisende Menschenbrust.
Und FranciscuS? DaS Hcr-x voll süßer heiliger Seufzer, von Andacht beklom-men, das ganze Wesen mit unnennbarer Wehmuth uud Wonne übergössen, die aufseinen Wangen glüht, aus seinen Augen leuchtet — so steht FranciScus an der Krippeda. Sein Mund schweigt; aber lauter, verständlicher und entzückender als je sonstwidertönt in seiner Seele das Weihnachtölied des Himmels: „Oloria in oxeelsi5 Leoet in term pax!"
Auf der Krippe ward dann ein feierliches Hochamt gehalten, und FranciscuSmit dem Schmucke der Leviten angethan sang mit lauter, von Freude uud Liebe durch-bebter Stimme das Evangelium: „Heut ist euch der Heiland geboren wor-den!" Hierauf predigte er dem versammelten Volke von der Geburt des „armenKönigs," und ergoß, wie Biograph sich ausdrückt, honigsüße Worte von Bethlehem ,der kleinen Stadt. Ost, wenn er Jesum Christum nennen wollte, nannte er ihn mitbrennender Liebe nur „den Knaben von Bethlehem, " uud mit solcher Empfin-dung ward er bei dem Namen erfüllt, daß ihm die Znnge fast den Dienst versagte,und er sie an den Gaumen drückte, als kostete er die Süßigkeit dieses Wortes. >
An der Stelle der Krippe, wo das Weihnachtsfest auf eine so kindlich erhe-bende Weise gefeiert worden war, ward später eine Capelle zu Ehren dcö heiligenFranciscuS gebaut.
R o m.
Dem Univers wird aus Rom geschrieben: „Talbot, der GeheimsecretärSr. Heiligkeit, versammelt um das Grab der heiligen Apostel in der Grotte des
') Dieser Umstand wird von mehreren heiligen Väi.in und kirchlichen Schriftstellern als gewißangegeben. Auch stellen alte Glasmalereien und Bilderwerke, die man auf Gräbern des ätcn Jahr-hunderts gefunden, einen Ochsen und einen Esel bei der Veburt unsers Heilandes dar. Siehe: l^itur-xis sacrs von Mahrzohl und Schneller, 4. Theil, S. I 9.
*'Z „Die Ehre seu Gott in der Höhe, und Friede auf der Erde!"