Eilfter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger poKMung.
19. Januar A. - 1851.
Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnemcntsvreis40 kr,, wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann.
Die katholische Weltanschauung.
(Vorirag im katholischen Cenlralverein zu Breslau , mitgetheilt im Schles. Kirchenblatt.)
ES ist in hohem Grade auffallend, liebe BereinSgenossen, daß über eine unddieselbe Sache, über eine und dieselbe Begebenheit, über ein und dasselbe Unterneh»wen ganz verschiedene, ja oft entgegengesetzte Urtheile unter den Menschen sich bilden,daß also, weil die Urtheile aus der besonderen Auffassungs- oder AnschauungsweisedeS Einzelnen hervorgehen, auch die menschlichen Anschauungsweisen ganz ver-schieden, ja oft einander ganz entgegengesetzt sind. Kommt daS etwa davon her, daßdie Urtheilenden auf sehr verschiedenen Stufen der Verstandesentwickelung sich befinden?Keineswegs, denn sonst müßten die Klugen dieser Erde, die Gelehrten, die Staats-männer, diejenigen, welche im Rathe der Fürsten und Volker fitzen, in ihren Urthei-len über wichtige Angelegenheiten doch wohl, wenigstens der Hauptsache nach, über-einstimmen; aber daß dieß nicht der Fall ist, sagt unö die Geschichte jedeS TageS;gerade die Klugen dieser Welt gehen in ihren Urtheilen über denselben Gegenstandoft am weitesten auseinander. Auf die Urtheile der Menschen, auf ihre gesammteAnschauungsweise hat nämlich nicht allein der mehr oder minder verfeinerte Verstandeinen Einfluß, sondern auch das Herz mit seinen Neigungen und Wünschen, derWille mit seinen Bestrebungen, mit einem Worte: das Gemüth, dieser Brennpunctaller Regsamkeit in unserm Innern. Ja, von dem Gemüthe, von der gesammteninneren Verfassung deS Menschen, von seiner größern oder geringern geistigen Selbst-ständigkeit, von dem Grade seiner Ueberzeugungstreue, von seinem ganzen Charakterhängt die Beschaffenheit der menschlichen Urtheile ab.
Auf die innere geistige Verfassung, auf den gesammten Charakter deS Menschenwirkt aber nichts entschiedener ein, als die Religion. Wie die Religion das Lebender Völker durchdringt, so durchdringt sie auch das Gemüth des Einzelnen. Gegendie Religion kann sich Niemand gleichgiltig verhalten, denn erkennt er ihre Macht an,dann wählt er sie auch zu seiner Leiterin im Leben; läugnet er aber ihre Macht,wehrt er sich gegen dieselbe, dann macht sie ihm erst recht viel zu schaffen; das ganzeBenehmen der Ungläubigen, der Irreligiösen beweist eö; sie möchten die Religiongern hinwegspotten, hinweghöhnen, aber immer tritt sie dem Elenden wieder mahnendund strafend entgegen. Uebt nun aber die Religion einen so unverkennbaren Einflußauf die geistige Verfassung deS Menschen aus, so übt sie ihn auch selbstredend aufihre Anschauung aus, die eben von der geistigen Verfassung bestimmt wird. Demnachgibt eö, je nachdem der Heide, der Jude, der Christ, und hier wieder der Protestantund der Katholik verschieden über eine Sache urtheilt, eS gibt eine heidnische,ludische und christliche, eine protestantische Auffassung oder Anschauung vondem, was in der Welt vorkommt. Wir haben eS hier vorzugsweise mit der katho-