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der Geschichte, von seiner Schöpferkraft auf dem Gebiete der Erfindungen nicht genugRühmens zu machen weiß, wenn sie in ihrer Bewunderung bis zum Cultus deSmenschlichen Genius, also zur Selbstvergötterung sich fortreißen läßt; wenn sie denMenschen, wie er da leibt und lebt, als durchaus gut und wacker preist, und dieSünde, die an ihm haftet, nur für daS werdende Gute hält; wenn sie Unzucht,Diebstahl, Raub, Mord und Brandstiftung nicht als Schuld des einzelnen Menschengelten läßt, sondern diese und alle andern Verbrechen den gegenwärtigen Gesellschafts-cinrichtungen zur Last legt und daher diesen, nicht den Verbrechen den Krieg ankün-digt; wenn sie endlich , da sie den Menschen für durchaus nobel hält, auch nichtsvon einem Erlöser und von einer Erlösung wissen will oder höchstens, wenn sie dieErlösungsbedürftigkeit zuläßt, den Menschen zu seinem eigenen Erlöser macht: soerscheint nach der katholischen Weltanschaunng der Mensch nur allzusehr crlösungS-bedürftig und zu nichts weniger fähig, als sich selber zu erlösen.
Wahrlich, der zur Gemeinschaft mit Gott berufene uud durch Mißbrauch seinerFreiheit auS dieser Gemeinschaft-gefallene, tief gefallene Mensch ist an sich ein Sün-der, und ein großer Sünder; seine ursprüngliche Gerechtigkeit, die von Gott ihm ver-liehene Vollkommenheit, ist verloren, des Menschen Geist ist umdüstert, sein Herz istverderbt, sein Wille ist schwach, sein Sinnen und Denken, sein Thun und Trachtenist eitel und thöricht von Jugend auf, Gott kann an ihm, wie er da ist, kein Wohl-gefallen haben, er kann ihn in seinen Himmel nimmer aufnehmen. Aber der Menschist erlösungssähig geblieben trotz seines tiefen FalleS; er konnte sich wieder erhe-ben, wenn der Allerbarmer ihm seine Gnadcnhand reichte, und der Allerbarmcr hatsie ihm gereicht: Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu erlösen; der Vaterhat seinen Sohn gesendet, damit er die sündigen Menschen errette, damit er durchsein aufopferungsvolles Leben und Wirken, Leiden und Sterben die Schuld von ihnennehme und sie zu Kindern Gottes, zu Erben der ewigen Seligkeit wiederum mache.Nicht der Mensch also ist sei» eigener Erlöser, der Sohn Gottes allein ist der Men-schen Erlöser, ihr alleiniger Mittler, ihr Lehrer, Hoherpriester und König: nur durchihn können wir zum Vater kommen. Ich breche hier ab, denn die Hoheit nnd WürdedeS Erlösers, die Geheimnisse und Wunder des Erlösungswerkes > sie werden auchsonn- und festtäglich von heiliger Stätte verkündet, sie können, sie dürfen euch nichtunbekannt seyn. Hier kam es nur darauf an, euch aufmerksam zu machen auf denungeheuern Unterschied, der in der Lehre von der Sünde und von dem Erlöser zwi-schen der modernen und zwischen der katholischen Weltanschauung stattfindet; jene raubtdem armen elenden Geschlechte den Erlöser unv macht es nun erst wahrhaft arm undelend; diese aber, die katholische Ueberzeugung, zeigt dem Menschen in dem hochhei-ligen Werke der Erlösung den Quell alles Heiles und SegenS; sie zeigt, wie dieserQuell durch die Reihe der Jahrhunderte bis hin zum Ende der Zeiten in der vonChristus gestifteten nnd vom Geiste GotteS regierten Kirche durck die Verkündigungdes Evangeliums und durch die Ausspeudung ver Gnadenmittel über jedes nenc Ge-schlecht der Menschen reinigend und läuternd, tröstend nnd lebenspendend sich ergießt,und im Einzelnen wie im ganzen Geschlechte das Ebenbild Gottes strahlend wiederherstellt und Allen, Allen, die aus diesem Strome trinken, zum Frieden auf Erden,zur Seligkeit im Himmel verhilft.
Die katholische Weltanschauung macht sich serner folgerichtig geltend in Rücksichtauf die Gestaltung des irdischen Lebens, auf die Gestaltung der Formen,deren die Gesellschaft zur Erreichung ihrer Bestimmung bedarf. Der Inbegriff allerdieser Formen des GesellschaftSlebcnS ist das, waS wir den Staat nennen. Wennnun die moderne Anschauungsweise den Staat für das Höchste im Leben, aber auchzugleich als ein bloß menschliches Product ansteht, wenn sie ihn als durch ein Ueber-einkommcn aller Classen der Bevölkerung gegründet, bloß als eine Art von gesell-schaftlichem Contract betrachtet, wenn sie jedem Bürger eine Betheiligung an der Ge-staltung deS Staates, an der Veränderung der Gesellschaftsformen zuspricht; wennsie dem Volke und jedem Einzelnen im Volke Souveränität, d. h. Selbstherrlichkeit