21
der nächsten Nähe, mitten in Europa und Deutschland , weiße Heiden gibt, und daßhier am Ende noch mehr zu bekehren übrig bleibt, als an den Küsten von Alt- undNeu-Guinea, Labrador und Kamtschatka . Daher findet, aus dem buntscheckigen Chinaheimgekehrt, der große Gützlaff unerwartet einen Nebenbuhler in dem Wandcrvateraus dem rauhen Hause, und die aus Paraguay unv dem Goldland Californien längstverbannten katholischen Missionäre kommen in den dunkelgrünen Thälern unseresSchwarzwaldes und OdenwaldeS wieder zum Vorschein und predigen den Wilden imVaterlande.
Die Revolution der letzten zwei Jahre hat weniger selbst verwüstet, als dielängst vorhandene „große Menschenwüste" nur entblößt, und die täuschenden Schleiervon ihr weggezogen, womit Aufklärung, Polizeistaat und conventueller Anstand siezugedeckt hielten. Man hat in den Abgrund einer sittlichen Entartung und Verwil-derung hineingeblickt, welche der Staat mitverschuldet zu haben sich plötzlich bewußtgeworden ist. Daher der Nothruf nach kirchlichen Mitteln, die man so lange ver-schmähte. Daher Emancipationen der Kirche, wie man sie noch vor drei Iahren nichtfür möglich gehalten, nicht im Traume sich vorgespiegelt hätte. Daher der elektrischeSchlag, der mit Wichern'S Zauberwort „innere Mission" durch ganz Deutschland fuhr, daS erste Licht in der tiefen Finsterniß, der lebendige Quell aus dem Felsen,vor dem man trostlos dürstete.
Daß auch der kirchenfeindlichste Bureaukrat jetzt einsehen muß, man komme mitbloßer Polizei nicht auS und bedürfe nothwendig der Religion und ihrer Getreue»,um den Dämon im Demos zu bewältigen, ist ein großer werthvoller Gewinn derneuesten Zeit. Höher aber noch schätzen wir die im Volke selbst, zunächst in dengebildeten Classen, vorgegangene Verwandlung der Gesinnung und Meinung in Bezugauf die religiösen Dinge. Der Dünkel der falschen Aufklärung ist immer mehr alssolcher anerkannt worden. Wenn auch die Noth noch nicht so groß ist, dj,ß sie überallbeten gelehrt hätte, so kam doch wohl auch der im gewohnten Daseyn Behaglichstein den Fall, wünschen zu müssen, daß wenigstens seine Kinder und Untergebenenlieber möchten beten, als fluchen gelernt haben. Man ist so scheu geworden vor demUnheiligen, das auS der revolutionären Presse, aus den Clubbs, Volksversammlungenund Freischaaren mir höllischen Tönen hervorbrülltc, daß darüber die alte herkömmlicheScheu vor dem Heiligen merklich verschwunden ist. An den Katzenmusiken hat mangelernt, um wie viel lieblicher doch die Kirchenmusik sey. Wir wollen nicht schärferuntersuchen, von welchem innerlichen Widerstreben diese Bewegung zur Kirche begleitetist und wie viele heimliche Vorbehalte sich die Furcht macht, indem sie zum erstenMale den sonst so widerwärtigen und lästigen Priester zum Beistande ruft. Wirhalten uns nur an die Thatsache , daß die Bureaukraten wirklich den Priestern einmalPlatz gemacht, ihnsn Vertrauen gescheut, ihnen dasselbe Volk zur Zucht empfohlenhaben, welches sie der priesterlicher Zucht zu entreißen seit einem Jahrhunderte keineGewaltthat, keine Verleumdung des Standes, keine Verspottung der Religion selbstgescheut hatten.
Unter allen Wundern, welche diese Umwandlung der Stimmung seit der letztendeutschen Revolution hervorgerufen, ist wohl das Wunderbarste die freie und ungehin-derte Thätigkeit der Jesuiten , welche man nicht etwa bloß gewähren läßt, sondernauch gut heißt und mit ehrfurchtsvollem Staunen begrüßt. Wer erinnert sich nichtnoch des Ausbruches eines allgemeinen Ingrimmes in Deutschland » als es vor fünfJahren der Schweizer Sonderbund wagte, zwei alle Männer von der Gesellschaft Jesu nach Luzern zu berufen? In Sachsen stieg die Wuth bis zu dem Grade von Fieber-hitze, daß sogar das Knöchlein eines Jesuiten , welches man als Reliquie im Altare
gläubig« Protestant, hat aber schon oft bewiesen, daß er fähig ist, Erscheinungen aus dem Gebieteder katholischen Kirche unbefangen und vorurtheilsfrei zu würdigen. Seine Beurtheilung der katholi.schen Missionen ist einem größern Aufsatze: „Die Mission auf katholischem und protestantischem Ge-biete," im 4, Hefte der „Deutschen Vierteljahrsschrift." entnommen.