Ausgabe 
11 (19.1.1851) 3
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einer Kirche zu entdecken geglaubt hat, daS Land beinahe in Aufruhr brachte. AISdie Radikalen in der Schweiz unter der Leitung entschiedener Gottesleugner, z. B.deS hohnlachenden Verfolgers der waadtländischen Kirche, den Sonderbund überwäl-tigten, jubelte ihnen die gesammte deutsche Presse, mit nur sehr wenigen Ausnahmenzu, selbst Regierungsblätter nahmen damals mit Partei gegen den Sonderbund. ESsind seitdem erst drei Jahre vergangen. Wer hätte sich träumen lassen, daß die damalsmit so lautem Halloh verjagten Jesuiten noch einmal wieder dießseits der Alpen mittenunter uns seyn und in aller Sicherheit predigen würden? Denn Die, von denen wirsprechen, gehören zum Theile der Gesellschaft Jesu , zum Theile dem Orden der Liguo-rianer oder Redemptoristen an. .

Die im Laufe des Jahres 1850 im südwestlichen Deutschland und vorzugsweiseim Schwarzwalde abgehaltenen katholischen Missionen hatten theils als Bilder deszurückgekehrten Seelen- und Landeöfricdens einen hohen idyllischen Reiz, theils offen-barten sie eine so intensive Kraft des Religiösen und Sittlichen, mitten in der Corrup-tion der Zeit, daß kein Anwesender, selbst der mit Vorurtheil dazu getreten, sich einesheiligen Schauers zu erwehren vermocht hat. Auch Zuhörer des evangelischen Bekennt-nisses waren tief ergriffen und bekannten, daß hier nichts, was ihnen sremd oderfeindlich hätte seyn können, vorgekommen, sondern ein wahrhaft evangelischer Geist inapostolischer Einfachheit und Kraft sich offenbart habe. Welcher Protestant wäre eng-herzig genug, solche Erfolge der alten Kirche mit Mißgunst ansehen zu wollen? Nurneidlose Freude kann uns bewegen, wenn wir DaS, was allen Christen gemeinsamist, gedeihen und das Kreuz triumphiren sehen über seine Widersacher. Denn allerGläubigen^ von welcher Confession sie seyn mögen, gemeinsamer Feind ist, der hierbesiegt wurde, und nie dürfen wir vergessen: das Reich der Feinde Christi ist so weilausgedehnt, so männervoll und streitbar, daß keine Confession für sich allein sich rüh-men darf, es erobern zu können. Eine vielmehr wird der andern noch in heißemlangem Kampfe helfen müssen. Es wäre eine große Ungerechtigkeit und hieße denErnst der Zeit tief mißverstehen, wenn man, wie wohl geschehen ist, das reine evan-gelische Verfahren der Missionäre und ihr Sichfernhalten von jeder kirchlichen Polemiknur aus Berechnung und politischer Klugheit erklären wollte. Sie hatten ja gar keinekonfessionelle, sondern nur eine sittliche Ausgabe, und diese haben sie redlich erfüllt.

Die katholischen Missionen begannen schon im Februar in Säckingen , Kirch-garten, Schwetzingen und wurden fortgesetzt im März zu Herbolzheim und Urloffen,im April zu Gengenbach, Gerwihl, Haigerloch und Löffingen, im Juni zu Triberg und Waldthüm, im Juli zu Ellwangen, Wnrzach, Sigmaringen und Zipplingen imRieö, im August zu Konstanz , im September zu Mcersburg:c., wobei sich nachErkrankung des Anfangs thätigen Pater Haslacher, vorzüglich die Patres Zobelaus Tirol, Schlosser auS dem Elsaß und Rodcr auS Bayern betheiligten. Allediese Priester sind hochbegabte Redner und brachten durch ihren apostolischen Eifereine staunenswerthe Wirkung hervor, indem das Landvolk überall zu vielen Tausendensich um sie versammelte und da, wo ein Jahr früher die Revolution ihre wildestenOrgien gefeiert hatte, unter Reuethränen in tiefster Zerknirschung Buße that. ZuUrloffen, unsern von Osfenburg, wo im Mai des Jahres 1849 die berüch-tigte Volksversammlung gehalten worden war, die dem badischen Aufruhre den Anstoßgab, versammelten nicht zehn Monate später fromme Missionäre dasselbe Volk zu einerVerhandlung von ganz anderer Art und Natur, und eine andere Begeisterung schlughier in Heller Lohe zum versöhnten Himmel auf. Wir müssen uns das seltsame Ge-schichtsbild näher vergegenwärtigen und zu seiner Ausmalung die warmen Farben einesAugenzeugen wählen:Mitten unter den radikalen Städtchen Renchen , Obcrkirch,dem weltberühmten Demagogensitz Offenburg und'uahe dem berüchtigt gewordenenFlecken Appenweier liegt der große Ort Url offen mit seiner schönen Kirche, ganzgeeignet, eine große Menge Derer aufzunehmen, welche trotz aller Wühlereien ihrkatholisches Bewußtseyn nicht verloren hatten. Vom zweiten Fastensonntage an sahman Tausende aus allen Richtungen nach der Kirche wallen, welche in schöner weiter