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Unsere Kinder sollen allerdings um sich wissen; aber sie sollen nicht allein im Reicheder Erde, sondern auch im Himmelreiche sich zurechtfinden lernen, Daher will diekatholische Weltanschauung nicht bloß den Unterricht, sondern sie will mit dem Unter-richte auch die Zucht; unsere Kinder sollen nicht bloß zunehmen an allerlei Einsicht,sondern auch an Wohlgefallen vor Gott und den Menschen; sie sollen bei Prüfungennicht eben durch eingetrichterte altkluge Urtheile und durch eindressirte auffallendeKenntnisse Paradiren, sondern sie sollen in Unbefangenheit und Anspruchslosigkeit ihrenEltern zur Freude und zum Troste heranwachsen, indem sie sich von früh auf an dieTugenden der Bescheidenheit, deS Fleißes, der Herzensreiuigkeit, der aufrichtigen Liebegegen Gott und gegen die Menschen gewöhnen.
Indem aber die katholische Weltanschauung solche Forderungen an die Schulestellt, so verlang: sie auch von den Eltern, daß sie die Schule durch die häuslicheZucht unterstützen, daß sie bei ihrer Erziehung alle Weichlichkeit, Schwächlichkeit undHalbheit verbannen und mit Ernst und Nachdruck allen Ungezogenheiten der Kindersteueru, daß sie streng nach dem Grundsatze der Schrift verfahren: „Wer sein Kindlieb hat, der züchtigt es," und daß sie genau nach dem Grundsatze der Erfahrunghandeln: .Man muß den Baum biegen, weil er jung ist!" Die katholische Weltan-schauung läßt nicht die Einwendung überzärtlicher nnd übcrnachsichtiger Eltern gelten:„Jugend habe nun einmal nicht Tugend; man dürfe von den armen Kindern nicht zuviel verlangen, sie nicht zu sehr anstrengen und zu kurz halten, man müsse ihnen schoneinige Freiheit gestalten, die schöne Jugendzeit fliehe so schnell dahin nnd kehre nimmerwieder, wer wollte auch so grausam seyn, die Freuden der Jugend zu stören, diekleinen muntern Leute um das Paradies der Kindheit zu betrügen?" Die katholischeWeltanschauung erwidert hierauf: Gerade dadurch, daß ihr der Selbstsucht, dem Eigen-sinn, der Naschhaftigkeit, der Faulheit, der Lügenhaftigkeit, der Leichtfertigkeit eurerKinder steuert, daß ihr sie in ihrem Thun und Treiben sorgsam überwacht, daß ihrdie schädlichen Auswüchse der Ungebundenheit beseitigt, gerade dadurch erspar« ihreuern Kleinen so viele trübe Stunden, die ihre Unbesonnenheit ihnen zuzieht; geradedadurch bewahrt ihr euern Pflegvefohlenen das Glück und die Harmlosigkeit der gold-nen Kinderjahre, gerade dadurch vertretet ihr bei euren Lieblingen die Stelle der Che-rubim, die mit flammendem Schwerte das Paradies der Unschuld gegen die Machtder Sünde schützen.
Müssen wir, um ein Gleichniß anzuführen, den nickt als einen verständigbesorgten Mann loben, der den zwischen schattigen und beblümten Ufern sanft dahinrieselnden Bach eindämmt, damit er seine klaren Fluthen, in denen am Tage derblaue Aethcr und in der Nacht der Sternenhimmel sich spiegell, zusammenhalte undallen Umwohnenden Freude und Nutzen bringe? Können wir es etwa gut heißen,können wir es für den lieblichen Bach und seine anmuthige Umgebung ersprießlichfinren, wenn ein Unbesonnener die schützenden Ufer durchsticht, um, wie er thörichtmeint, den schönen Strom seiner Fesseln zu entledigen? Werden nun nicht die ent-fesselten Fluthen ihren geordneten Lauf verlassen, sich über die bunten Wiesen undbebauten Felder ergießen und das blühende Land in einen Teich, in Morast unvModer verwandeln; wird der Bach nicht selbst allmälig versanden, werden nicht seinesonst so klaren Wogen in trüben Schlamm sich verkehren, werden nicht die süßenGesänge der Nachtigallen an seinen Usern verstummen, wird nicht an ihrer Stelle derwiderlichste Unkenruf sich vernehmen lassen? Nun Eltern, der klare, spicgelhelle Bachist das schöne Jugendleben eurer Kinder: durchstecht des Baches Ufer, räumt dieDämme heilsamer Zucht hinweg und — dieß schöne Jugendleben versumpft und desSumpfes verderbliche Ausdünstung gereicht euch, euern Kindern selbst und der ganzenUmgebung zum größten Nachtheile. Haltet darum die euch anempfohlene katholischeErziehung für keine Freuvenstörerin, erkennet sie vielmehr als die Mutter reinerunschulvsvoller Freuren für eure Kinder an.
Ja, eine Freudcnbringerin ist die katholische Erziehung; sie ergibt sich ja mitNothwendigkeit aus der katholischen Weltanschauung, und diese ist nichts weniger,