Ausgabe 
11 (2.2.1851) 5
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geburt, eine zarte Fata Morgana, in deren zitternden Schimmern der Kölner Dom sich höher und höher ausbaute und in seiner Vollendung erblickt wurde. Aber dieseTraumbilder verschwanden wieder vor dem Trommellärme Napoleon's. Erst langenachher, als die Rheinlande preußisch geworden waren, kehrte die romantische Sehn-sucht wieder und nahm auch gleich eine ganz praktische Richtung, indem man denKölner Dom so materiell als möglich mit Steinen und Mörtel auszubauen unternahm.Allein andere Werkleute hatten indessen in der Stille den unterbrochenen Bau deSMittclalterS in anderer Weise fortgeführt und mit Recht der Sache selbst mehr Fleißzugewendet, als ihrem Symbol. Es war die oft verschrieene Dummheit deS niedernKlerus undgemeinen Volkes," die, .Allen unerwartet, aus ihrer bisherigen beschei-denen Stellung, in der man sie kaum mehr betrachtet hatte, in höhere Regionen auf-stieg, die vornehmern Geistlichen, die Professoren, endlich den Erzbischof selbst inficirteund plötzlich ihre volle Berechtigung in der Gegenwart ansprach. So mächtig stießder aus dem Grabe erwachte heilige Anno mir dem Bischofstabe auf die Erde, daßsie bis Memel zitterte. Zu Trier aber schaarte sich mehr als eine Million Wallfahrerum die Bischöfe und das Pannier deS heiligen RockeS, Alles in der deutschen Dumm-heit, zu nickt geringer Beschämung der neuen historischen Schule, die sich so sehr imverächtlichen Rückblicke auf angeblich längst überwundene Standpuncte gefiel und niegeglaubt hätte, daß jene Dummheit doch einmal andere Ansprüche machen würde,als sich aufklären und ihren Standpunct überwinden zu lassen.

Anstatt mit ächt historischem Blicke anzuerkennen, daß es sich hier von keinerDummheit, sondern von einem tiefen Volksgefühle und natürlichen Ausdruck eines nurzu lange verkannten Zeitbedürfuisseö handle, glaubten die Aufgeklärten, sogar Ger-vin us, daS angebliche Gespenst des Miltelalters mit den Plattituden eineö Rongebannen zn können, und weissagten, die Strafe für die wiedcraufgelegte Dummheitwerde sofort der gänzliche Untergang der römischen Kirche seyn, an deren Stelle derDeutschkaiholicismnS das goldene Zeitalter der Vernunft hereinführen werde. Aergerhat sich der anmaßliche Verstand wohl nie über kirchliche Dinge getäuscht. Ronge istverschollen, als ein unfähiger Charlatan gebrandmarkt, seine Gemeinden verkümmern,während die alte Kirche immer majestätischer die kolossalen Umrisse ihrer verborgenenMacht erkennen läßt.

Mitten in den Stürmen der letzten Jahre traten die katholischen Bischöfe Deutsch-lands in Würzburg zusammen und erließen eine Denkschrift, die ihren und der katho-lischen Kirche Beruf für die Zukunft in brennenden Zügen auf ein dunkles Blatt derGeschichte schreibt. Nur aus solchen Vorgängen erklärt sich die Freigebung der Kirchein Oesterreich , eine der größten, vielleicht die dauerhafteste Folge der Revolution von1848. Von Seite des katholischen Volkes bezeugten drei große Vereine den religiösenund kirchlichen Eiftr. Der BorromäuSverein hat sich zum Zwecke gesetzt, dieirreligiöse Presse zu bekämpfen und unschädlich zu machen durch Verbreitung guterBücher. Der Vonifaciusvercin sorgt für die religiösen Bedürfnisse der in nichtkatholischen Ländern zerstreuten Glaubensgenossen. Der PiuSvercin endlich arbeitetunablässig für die Freiheit der Kirche, für ihre möglichste Unabhängigkeit vom Staate.

Der am meisten zu den Sinnen sprechende Triumph der katholischen Kirche liegtaber in den von so unermeßlicher Popularität belohnten Missionen in dem kurz zuvornoch so revolutionär aufgeregten Schwarzwalde, jene wunderbare Erhöhung desKreuzeö auf den Schuppen des noch athmenden Drachen. Die Negierung hat nichtsdazu gethan, sie, hat die Missionäre nicht einmal gern kommen sehen,ihnen vielmehr Schwierigkeiten gemacht. Das Volk hat sich daher ganzfreiwillig der Autorität unterworfen, die auS dem frommen Munde der kaum demNamen nach bekannten Apostel zu ihnen sprach. Wenn die Regierungen den Wink,der darin liegt, nicht verstünden, wären sie mit Blindheit geschlagen. Schon langeregte sich in Freiburg im Breisgau ein so guter bischöflicher Geist, daß eS kaumbegreiflich ist, wie eS unter den frühern Regierungen in Karlsruhe hat können ver-kannt werden. Liebevoll, sittlich, duldsam, fruchtbar in Worten und Werken der