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die Quelle vieler Uebel verstopft werden. Es wäre gut, wenn dieser Gegenstand vonerfahrnen Männern besprochen, und namentlich auf Mittel hingewiesen würde, wiedas Volk an heiligen Tagen am besten könnte beschäftigt und von dem Verderbenabgehalten werden. Würdige Seelsorger könnten vielleicht aus dem Schatze ihrerErfahrungen hierüber manchen heilsamen Wink geben. ES gibt gegenwärtig vieleVereine, würde nicht auch ein Verein zur Belebung der christlichen Sonntagsfeier ander Zeit seyn, oder dürften diese Gegenstände bei den schon bestehenden Vereinen nichteine besondere Berücksichtigung finden?
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Wolfgang Menzel über die Missionen.
(Schluß.)
AuS dem nun folgenden Abschnitte über die protestantische sogenannte innereMission dürften folgende allgemeine Bemerkungen auch für unsere Leser von In-teresse seyn.
Um die Bedeutung der inneren Misston, wie sie der edle Wichern ins Lebengerufen hat, richtig zu würdigen, ist erforderlich, daß man erwäge, welche Versuche,den christlichen Geist auf protestantischem Gebiete wieder mehr zu beleben, diesemjüngsten vorausgegangen sind. Wir wollen sie nicht weitläufig abhandeln, sondernnur kurz ihre Richtung bezeichnen. Seitdem der Geist der Theologie im Buchstabenabstarb, wurde die Orthodoxie überall mehr oder weniger von Aufklärung und Phi-losophie überwältigt, und bis in die neuere Zeit gelang es frömmeren Precigern undSeelsorgern niemals, die gesammte protestantische oder auch nur eine kleinere Landes-kirche mit einem neuen christlichen Geiste zu durchdringen; sie sahen sich vielmehr genö-thigt, sich in Secten abzusondern. Als die Union zu Stande kam, wurde sogar diealtlutherische Kirche zur Secte heruntergebracht, sosern in ihr noch ein Rest alterStrenggläubigkeit sich nicht in der Union chemisch zersetzen lassen wollte. Allein inner-halb eben dieser Union selbst machte sich in dem Maaß, in welchem das confesstonelleSchiboleth nicht mehr so schwer ins Gewicht fiel, ein sehr achtbares Streben derTheologen bemerklich, das Interesse von dem konfessionellen Streitpuncte auf die all-gemeinen christlichen Grundwahrheiten und auf praktisches Christenthum hinzulenkenund den Kern christlicher Lehre, Gesinnung und That gegen die immer stürmischerenAngriffe der Philosophie zu vertheidigen. Leider hatten diese apologetischen Leistungennicht den Vorzug einer lutherischen Kraftsprache. Ihre Gelehrsamkeit, ihre allzu feinenDistinctionen machten sie unpopulär. Der größere Theil der gebildeten Welt unr derJugend ließ sich von der immer entschiedener antichristlich auftretenden Philosophiehinreißen, die in der schon längst heidnisch gewordenen und irrt jcdem unsittlichenGelüste kokettirenden Poesie und zuletzt im politischen Radikalismus und Socialismusdie mächtigsten und populärsten Bundesgenossen erhielt.
Man darf nicht vergessen, in wessen Händen damals die Cult Ministerienund die höchsten Aufsichtsbehörden der Kirche und Schule sich befanden. Man mußsich der Männer erinnern, unter deren Auspickn die Hegel'sche Schule in Berlin und auf allen preußischen Universitäten, die Bauer-Strauß'sche in Tübingen zurherrschenden erhoben wurde, so wie in den kleinen Thüringischen Staaten des Ein-flusses, welchen Röhr und Bretschneider bei allen Anstellungen übten. Durchlange Uebung hatte sich in den niederen Schichten der protestantischen Gesellschaft eingeistloser Rationalismus eingenistet, der alles specifisch Christliche wie mit abstoßendermagnetischer Kraft von sich hielt. An die Stelle des lebendigen ChristenthnmcS wareine dürftige Moral getreten, der Heiland der Welt war zum jüdischen Sokratesdegradirt; von göttlicher Offenbarung wollte man nichts mehr wissen, nur noch vonder Selbstbestimmung des Menschen durch seine Vernunft. Wer nicht mit diesemStrome schwamm, wurde als Pietist verhöhnt. Pietist hieß zuletzt Jeder, der noch