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Während aber in solcher Weise der Leib den härtesten Abtödtungen unterworfenwar, nahm der Geist einen um so freieren Aufschwung und eS entfaltete sich die Liebeund der Seeleneifer unseres Hoffbauer und fand bald ein weites Feld tvr Thätigkeit.Vereint mit Hibel begann er zu predigen und sich dem Beichtstuhle zu widmen.Anfangs pflegten sie das Volk auf den öffentlichen Plätzen der Stadt um sich zusammeln unv ihm hier Belehrungen zu ertheilen; als jedoch die Regierung dieß unter-sagte, zogen sie sich in ihre Kirche zurück, in welcher sie nun eine ununterbrocheneMission eröffneten. Jeden Tag hielten sie Morgens und Abends Erhortationen andas Volk; an allen Sonn- und Feiertagen predigten sie viermal, zweimal für diePolen und eben so oft für die Deutschen; später kam auch noch eine französische Pre-digt für die anwesenden Franzosen hinzu. Diesen Eifer, der von so aufopfernderLiebe begleitet und getragen war, segnete der Herr sichtlich. Das Volk strömte inMenge zu ihrer Kirche; vom frühen Morgen bis die Nacht hereinbrach, waren ihreBeichtstühle umlagert und schon nach wenigen Jahren ihrer Wirksamkeit zählten sie ineinem Jahre 19,000 Communicanten in St. Benno.
Mit diesen Arbeiten war die Liebe HoffbauerS nicht erschöpft: er suchte zu glei-cher Zeit auch die verlassenen Waisenkinder auf, um sie so weit es in seinen Kräftenstand zu nähren, zu Pflegen und zu unterrichten. Er führte sie in die Kirche, lehrtesie beten, fromme Lieder singen und flößte ihren jugendlichen Herzen vor Allem eineinnige Liebe zu dem Heilande und zu der allerseligsten Jungfrau ein. Auch die Armenund Nothleidenden jeder Art fanden an ihm einen Vater; er ging sogar öfter für sieAlmosen zu sammeln, um ihr Elend zu lindern*) und suchte so unablässig AllenAlles zu werden.
So wirkte Hoffbauer in den ersten Jahren seines Aufenthaltes, verehrt undgeliebt von allen Guten, verfolgt und geschmäht von den Feinden der Religion.Der letzte König von Polen schätzte ihn hoch und verlieh ihm sogar den weißenAdlerorden, den übrigens der demüthige Diener Jesu Christi sorgfältig verbarg, sodaß man ihn erst nach seinem Tode unter seinen Sachen fand.
Die ausgedehnten Arbeiten der beiden Patres machten einen Zuwachs an Kräf-ten nothwendig. Acht Jahre harreten sie indessen umsonst auf eine Hilfe; dann abertraten in rascher Folge viele polnische Jünglinge in die Kongregation ein und auchdie Revolution in Frankreich , welche die Seminarien auflöste, führte dem Hause zuWarschau manchen Kandidaten zu. Bald erhielt die Versammlung hier eine zweiteKirche und ein Haus, das der Erzbischof ihr einräumte. Bis 1799 war sie bereitsauf 25 Mitglieder angewachsen und verbreitete nach dem zunehmenden Maaße derKräfte immer weiterhin den reichsten Segen. Unzählige Seelen bekehrten sich zumHerrn, viele Protestanten traten zur Kirche zurück. Selbst in Curland, das zumrussischen Reiche gehörte, gewannen die Priester der Kongregation das Vertrauen desVolkes in so hohem Grade, daß sogar die dortigen Protestanten Stunden weit herbei-kamen und ihre Kranken und Kinder zu denselben brachten, damit sie ihnen den Segenertheilten. P. Hoffbauer that dann öfter eine beherzigenswerthe Aeußerung. „Wennein Priester," sprach er, „nur die Hälfte seiner Schuldigkeit thut, so wird er vomVolke beinahe angebetet; aber," setzte er hinzu, „ich weiß nicht, ob er selig wird."
Cardinal Litta, der im Jahre 1800 als apostolischer Nuntius auf einer Reisedurch Warschau kam und sich daselbst einen Monat aufhielt, stellte in einem Schrei-ben dem Wirken der Revemptoristen unter P, Hoffbauer ein glänzendes Zeugniß ausund äußerte den Wunsch, daß auch in Deutschland bald ein HauS derselben gegrün-det werden möge. Hierzu schien in der That nunmehr allmälig der Augenblick heran-zukommen ; wenigstens eröffneten sich einige Aussichten dafür. (Schluß folgt.)
*) Einst kam er bei solcher Gelegenheit in ein Gasthaus und bat um ein Almosen für Vcrun,glückte; ein roher Mensch spie ihm im Uebcrmuthc ins Angesicht. Ruhig trocknete sich Hoffbauer ab,und sprach mit würdevoller Sanftmuth: „Das war für mich, nun geben Sie mir etwas für dieArmen." Damit war der Beleidiger besiegt, er bat um Verzeihung und gab ein ansehnliches Geschenk.