Ausgabe 
11 (9.3.1851) 10
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Herr: Er ist der Töpfer, du das Geschirr. Ganz bist du dem verpflichtet, von demdu das Ganze hast, jenem Herrn vorzugsweise, der dich gemacht und dir Wohlthatenerwiesen hat, der für dich lenkt den Lauf der Gestirne, den Wechsel der Luft, dieFruchtbarkeit der Erde u. s. w.

205. Verdacht.

Was ist schändlicher für einen Vorgesetzten, als kleinliche Sorge zu tragen fürdas Tischgeräthe und für das geringe Vermögen, Alles zu erforschen, nach Allem zufragen, vom Verdachte gepeiniget und durch jeden geringen Verlust und durch jedeVernachlässigung in Aufregung zu kommen? Zur Beschämung Einiger sage ich dieses,die täglich das ganze Vermögen durchgehen, Einzelnes zählen und über Kleinigkeitenund Heller Rechenschaft fordern. Nicht so machte es jener Egvptier, der den Josephüber Alles setzte und um nichts wußte, als um daS Brod, das er.Es schäme sich der Christ, der dem Christen nicht traut, da doch der Mann ohneGlauben seinem Diener traute und ihn setzte über Alles. Und dieser war ein Fremd-ling. Es ist wunderbar, daß es Menschen gibt, die für das Kleine große und fürdas Wichtigste geringe oder keine Sorge tragen. Ich bitte dich, der du Andere lehrst,belehre dich selbst, lerne dich selbst höher schätzen, als das deinige. Vergängliches,das um keinen Preis aufgehalten werden kann, lasse vorübergehen, aber nicht an dir.Der fließende Bach untersrißt das Ufer, so das Hin- und Herlaufen in zeitlichenDingen das Gewissen. Wenn der Gießbach auf die Felder laufen kann ohne Beschä-digung der Saaten, so glaube, daß auch du ohne Verletzung des Gewissens mitjenen umgehen könnest. Nur rathe ich dir, daß du dich bemühest, die Anhäufungderselben abzuweisen. Wisse Vieles nicht, vom Meisten lasse dir nichts merken, undvergiß Manches.

206. V e r d i e n st.

Alles Gute oder Böse, was du gethan hast, und was nicht zu thun dir freistand, wird mit Recht als Verdienst angerechnet. Und wie nicht nur Derjenige mitRecht gelobt wird, der Böses thun konnte, und es nicht that, sondern auch Derjenige,der Gutes nicht thun konnte, nnd es doch that, so hat auch Derjenige ein bösesVerdienst, der Böses nicht thun konnte, und eS doch gethan hat, gleich Demjenigen,der Gutes hätte thun können, und es nicht that. Wo aber keine Freiheit, da ist auchkein Verdienst. Daher haben die unvernünftigen Geschöpfe keine Verdienste, weil ihnenwie die Ueberlegung so auch die Freiheit mangelt. Sie werden durch Sinnlichkeitgetrieben, von der Gewalt beherrscht, von der Lust hingerissen: denn sie haben keineUrtheilskraft, mit der sie sich beurtheilen oder regieren könnten, ja nicht einmal daSHilfsmittel des Urtheiles, das ist, die Vernunft. Daher kommt es, daß sie nichtgerichtet werden, weil sie nicht urtheilen können. Denn auf welche Weise könnte manvon ihnen Rechenschaft fordern, da sie sich selbst nicht Rechenschaft geben können?Diese Gewalt leidet von der Natur der Mensch allein nicht, und daher ist auch er alleinunter den Geschöpfen frei. (Wozu also das Geschrei so vieler Menschen in unsernTagen nach Freiheit, die sie ohnehin schon haben? Ach, der Thicrmensch ruft auSdem Gefängnisse seiner Sinnlichkeit, in daS ihn der Mißbrauch der Freiheit gebrachthat, nach Erlösung, und will doch von einem Erlöser nichts wissen! Unserm Neu-Heidenthum ist der Erlöser kein Licht zur Erleuchtung der Heiden, sondernein Zeichen des Widerspruches, keine Verherrlichung d es Volkes Israel,sondern ein schmählicher Fall. Man denke nur an das demokratische Leichenbegängnisdes Jonas Dörr in Frankfurt , wobei ein Jude daS christliche Kreuz der Bahre vor-aus trug, und ein Deutschkatholik die Grabrede hielt, und es steht vor uns eintrauriges Bild der innern Zerrissenheit und Charakterlosigkeit unserer an Glauben soarmen und an Sittenlosigkeit so reichen Zeit. Bei solchen Erscheinungen möchte mansast Jenen glauben, die da sagen, anno 1353 werde der Antichrist geboren. SeineVorläufer sind wenigstens schon angekommen.)

207. Verführer.

Dem Verführer reicht die Hand, wer sie dem Lehrer zu geben versagt, und