Ausgabe 
11 (9.3.1851) 10
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wer die Schafe ohne Hirten auf die Weide gehen läßt, ist kein Hirt der Schafe,sondern ein Hirt der Wölfe.

203. Verkleinerung.Jeder, der verkleinert, verräth sich selbst zuerst, daß er leer an Liebe sey. Dannbeabsichtiget der Verkleinerer, daß derjenige, den er verkleinert, denen verhaßt undverächtlich werde, bei denen er ihn herabsetzt. Er schlägt also die Liebe in Allen, dieseine böse Zunge anhören, und tödtet sie, so viel an ihm ist, in sich selbst vomGrunde aus.

Beinahe überall finde ich im Kreise junger Weibspersonen solche, welche dieHandlungen einer Braut vorwitzig beobachten, um sie herabzusetzen, nicht um sienachzuahmen. Das Gute an ihren ältern Mitmenschen ist ihnen zur Pein, durch daSBöse werden sie befrieviget. Du kannst sie mit einander gehen, zusammen kommenund zusammen sitzen sehen, und bald werden sie den spitzigen Zungen zur verabscheuenS-würdigen Ohrenbläserei den Lauf gestatten. Eine verbindet sich mit der andern, undsie kommen kaum zu Athem, so groß ist ihre Begierde zu verkleinern, oder die ver-kleinernde anzuhören. Sie schließen Freundschaft zur Verleumdung und Ehrabschnei-dung, sie sind einig im Zwietrachtstiften. Sie machen unter sich die friedlichstenFreundschaften, und stimmen in der Bosheit zusammen. Durch die Leidenschaft wirdeine solche hassenswerthe Verbindung hergestellt. So machte es einst Herodes undPilatuS, von denen das Evangelium erzählt, daß sie an jenem Tage Freunde wurden,nämlich am Tage des Leidens des Herrn.

Der Tod steigt durch unsere Fenster, wenn wir einander mit aufgesperrtenOhren und mit offenem Munde den tödtlichen Becher der Verleumdung und Ehrab-schneidung darzureichen uns beeifern. Meine Seele komme nicht in die Ver-sammlung der Verkleincrer, weil sie der Herr haßt.

Ich kann es nicht genau sagen, was verdammlicher sey, zu verleumden, oderden Verleumder anzuhören. Der schlimmste Fuchs ist ein heimlicher Verleumder, aberum nichts besser der feine Schmeichler. Der Weise wird sich vor diesem hüten.

209. Vernunft.

Die Seele, welche wünscht, daß Christus durch den Glauben in ihrem Herzen,d. i., in ihr selbst wohne, sehe zn und hüte sich sorgfältig, daß nicht ihre Gliederuntereinander uneinig seyen, nämlich die Vernunft, der Wille und das Ge-dächtniß. ES sey also die Vernunft ohne Irrthum, damit der Wille gutpasse. Denn eine solche liebt der Wille. Auch der Wille sey ohne Bosheit,weil einen solchen die Vernunft billigt. Außerdem wenn die Seele sich selbst verur-theilt wegen Bosheit des Willens in dem, was sie durch die Vernunft gutheißt,entsteht innerer Krieg und gefährliche Zwietracht, weil einen solchen Willen die Ver-nunft immer verspottet, anklagt, richtet, verdammt. Deßwegen sagt der Herr imEvangelium:Vereinge dich mit deinem Widersacher ohne Zögern, solange du mit ihm auf.dem Wege bist, damit dich nicht der Wider-sacher dem Richter übergebe." So sey auch das Gedächtniß ohne Schmutz,damit keine Sünde darin bleibe, die nicht durch aufrichtige Beicht und durch würdigeFrüchte der Buße getilgt sey. Außerdem haßt der Wille das Gedächtniß, in dem eineSünde verborgen ist, und die Vernunft verwünscht es.

Berichte über Missionen.

G e i f e n h e i m.AuS dem Rheingau, 27. Febr. Die Misston in Geisenheim wurdeam 25. des Nachmittags geschlossen. Die Zahl der täglichen Zuhörer betrugan Werktagen stets 6000 bis 7000; Sonntags und beim Schlüsse der Mission stei-gerte sie sich auf mehr als 10,000. Das Urtheil aller Unparteiischen über dieselbefällt übereinstimmend dahin aus, daß dieselbe etwas Erhabenes und Außerordentlichesgewesen sey. Außer allem Zweifel steht es, daß diese zehn Tage, der Buße, der