Ausgabe 
11 (16.3.1851) 11
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Hirtenbriefe deutscher Bischöfe.

Vom hochwürdigsten Bischöfe von Wiirzburg.

Der Herr hat die Welt erschaffen, um die unendlichen und ewigen Herrlichkeiten,die er im Innern seines göttlichen Wesens trägt, durch die Schönheit seiner Werkeauch nach außen kund zu geben. Der Herr hat die Welt erschaffen, um durch dieTheilnahme an diesen seinen Herrlichkeiten jedem seiner Geschöpfe jene Gluckseligkeitmitzutheilen, deren das Geschöpf nach seinem Wesen und seiner Natur fähig undempfänglich ist. Der Herr hat insbesondere den Menschen erschaffen, hat ihn mitVernunft und Freiheit begabt, hat ihn mit übernatürlichen Gnadengaben ausgestattet,und ihn nach dem Sündenfalle im Blute Jesu Christi die Erlösung wieder findenlassen, auf daß er im Lichte der heiligen Offenbarung seinen Gott erkenne, durchErfüllung des göttlichen Willens mit Hilfe der Gnade ihm diene und einst im ewi-gen Leben vollendet und selig werde. So hat also der Herr das Weltall erschaffen Sich selbsten zur Verherrlichung und den Geschöpfen zur Glückseligkeit; er hatein Reich unter uns Menschen gegründet, dessen wundiervoller Bau hienieden im Glau-ben begonnen und jenseits im Schauen vollendet werden soll.

Um aber diesem seinem Reiche Grundlage, Bestand und Gestaltung zu geben,die Zustände auf Erden friedlich zu ordnen, und dem Menschen hienieden in der Zeitdie Vorbereitung auf eine glückselige Ewigkeit möglich zu machen, hat der unsichtbareGott zu seiner sichtbaren Stellvertretung die beiden Gewalten eingesetzt, die geistlicheund weltliche Gewalt, die der Kirche und die des Staates. Beide stammen von Dem,der über Himmel und Erde gebietet; beide sind eben deßhalb ihrer innersten Naturnach heilig und unverletzlich; beide sind verpflichtet, sich wechselweise anzuerkennen,zu ehren und zu unterstützen; beide sind Dienerinnen deS Herrn, von oben beauftragt,jede in dem von Gott ihr angewiesenen Wirkungskreise, jede mit den Mitteln, welcheder Herr ihr in die Hand gegeben, zum Heile der Völker zu wirken; beide sind beru--fen, als Töchter desselben himmlischen VaterS in schwesterlicher Liebe sich zu vereinen,um, den ganzen Menschen umfassend, dessen zeitliches und ewiges Wohl zu fördern.So ist also der König von Gott gesetzt, hat von oben Krone und Scepter erhalten,um sie im Dienste deS Herrn der Welt und zum Heile der Völker zu tragen, unddaher das Wort der Schrift (1. Petr. 2, 17):Fürchtet Gott und ehret den König!"So ist die Kirche die Braut deS Herrn, ihr Fingerzeig weist auf die Ewigkeit, ihrMund ist aufgethan, die Wahrheit zu lehren, ihre pricsterlichen Hände spenden denSegen der Welterlösung, und Alle, die da^ selig werden wollen, sind berufen, indieser Kirche ihr Heil zu wirken. So sind die beiden Gewalten vom Himmel gesandt,um durch Förderung deS Menschenwohles die Ehre ihres Herrn zu mehren, unv ihreTräger sind Stellvertreter des Allerhöchsten.

Geliebteste Diöcesanen! Wie schön ist die Welt, die der Herr erschaffen, wieherrlich die Ordnung, die er gegeben, wie heilig die Gewalten , die er gesetzt, und wieerhaben das Ziel, das er durch sie erreichen will! Wenn nur der Mensch immerAugen hätte, um die Wunder des Herrn zu schauen, Ohren, um auf die Stimmeder Wahrheit zu merken, und ein Herz, um es ganz und ungetheilt Dem zu lassen,der in seinem Wesen unendlich gut, und so groß und wunderbar in seinen Werken ist.

Um aber das richtige Verhältniß der Untergebenen zu den Vorgesetzten, wieim engern Kreise deS Familienlebens, so im großen öffentlichen Leben, im Leben derVölker herzustellen, hat der Herr daS vierte Gebot gegeben:Du sollst Vater undMutter ehren, auf daß du lange lebest auf Erden," und hat durch dieses großeGebor vor aller Welt es ausgesprochen, daß, wie das Kind seinen Eltern, so derDiener seinem Herrn, der Unterthan seinem Fürsten, der Christ seiner Kirche, jederUntergebene seinem Vorgesetzten in Liebe, Treue und Ehrerbietung müsse gehorsam undergeben seyn. Würde dieses Gebot, in der Natur der Sache so tief gegründet, vonder Vernunft nach seiner Wahrheit so klar erkannt, und so feierlich von Gott selbstenauf Sinai verkündet, würde, geliebteste Diöcesanen! dieses große Gebot nach dem