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des Herrn, und der Heiland Jesus Christus spricht: „Himmel und Erde werden ver-gehen, meine Worte aber werden nicht vergehen" (Match, 24, 35). Während dieWelt im Argen liegt, Sünden auf Sünden, Laster auf Laster häuft, und der Zornder Hölle sich ergießt, um gegen den Herrn unsern Gott zu streiten, predigt die heil,katholische Kirche in immer gleicher Weise Tugend und Gerechtigkeit, und ähnlich demguten Hirten, der in die Wüste gegangen ist, um das Verlorne Lamm aufzusuchen,geht auch sie mit jedem Tage aus, um nach ihrer göttlichen Sendung und mit Ge-walten, die sie von oben empfangen hat, die Krankheiten der Seelen zn heilen, dieGefallenen aufzurichten, die Sünder zu Gott zurückzuführen, und den Gerechten dasBrod des Lebens zu reichen. Während die Welt, besonders in unsern Tagen, wiein Gähruug begriffen ist, die Zustände der Gegenwart nach so vielen Seiten hin inFrage stehen, die Grundpfeiler der öffentlichen Ordnung erschüttert sind, und diemenschliche Weisheit sich selbsten fragt, wie es möglich werden möge, die zerrissenenVerhältnisse zn lösen, eine neue Ordnung der Dinge herzustellen, und der Welt einendauernden Frieden zu sichern; steht die Kirche ruhig da, wie unberührt von denStürmen der Zeit, verkündet immer dieselbe Lehre, spendet zu allen Zeiten dieselbenheiligen Sacramentc, bringt mit jedem Tage dasselbe Opfer der Welterlösung dar,und'wird im heiligen Geiste von einem geweihten Priesterthuine unter einem gemein-samen Oberhaupte, dem Papste, dem allgemeinen Vater der Christenheit geleitet.Wie herrlich ist doch dieser Bau der Kirche! Die Weisheit des Herrn hat den Planentworfen, die Allmacht das Werk aufgeführt, und die Gnade und die Liebe hierWohnung genommen, um von hier auS die Welt zu erlösen. Wäre diese heiligeKirche von allen Menschen in ihrem Lichte erkannt und in ihrer Liebe verstanden,aller Zwiespalt müßte bald von selbst sich heben, und das Räthsel des Friedenswäre gelöst.
Wie fest diese Kirche steht, einen hell leuchtenden Beweis hiefür liefert uns dieKirchengeschichte der «jüngst vergangenen Zeit. Zwei Jahre nämlich sind eS bereitsund darüber, daß der heilige Vater Papst Pius IX. , der große und edle Dulder, umdrohenden Gefahren zu entgehen, Rom und den Kirchenstaat verlassen und im König-reiche Neapel zu Cajeta und Portici seine Wohnung genommen hat. Der weltlicheThron deS heiligen Vaters schien zu wanken, aber das Papstthum, der Stuhl deöheiligen Petrus, das vom Herrn gesetzte oberste Hirtcnamt deS Stellvertreters JesuChristi auf Erden wankte nicht. Wo immer der heilige Vater weilen mag, seinegeistliche Gewall umschlingt den Erdkreis und überall findet ihn die Liebe, die Treue,die Ehrerbietung, die Ergebenheit und der Gehorsam seiner Kinder wieder. Zwarwar die Prüfung hart und schwer, aber dem Herrn gefiel es, sie zuzulassen. Wirweinten Thränen kindlichen Schmerzes, aber verzagen konnten und durften wirnicht. Wir rangen im Gebete unsere Hände, aber wir wußten auch, daß wir sicherErhörung finden mußten. Denn so geben die Wege des Herrn — durch Kreuz zumHeile. Er läßt die Winde wehen und die Stürme brausen zur Prüfung und Läu-terung seiner Kirche, aber er spricht auch zur rechten Stunde: Bis Hieher und nichtweiter. Er läßt die Fluthen steigen und die Wetterwolken sich ergießen, um nachjeder Trübsal, die sie bestanden hat, seiner Kirche neue Glorie zu verleihen. Und soist auch unter dem Schntze des Allerhöchsten der heilige Vater zurückgekehrt, um wiedervon Rom aus die Kirche Gottes zu leiten; er weilt wieder an der geweihten Stätte,wo die irdischen Ueberreste der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus und so vielerTausende anderer Heiligen dem Tage der Auferstehung entgegenschlummern; die HanddeS Herrn hat sich gezeigt, der Glaube neuen Schwung empfangen, wir preisen unSdoppelt glücklich, Kinder der Kirche zu seyn, und im Hochgefühle unseres GlückeSrufen wir mit neuer Begeisterung: „Du bist Petrus , und auf diesen Felsen will ichmeine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen."
Im Dienste dieser unserer heiligen Kirche habt ihr, Geliebteste! vor nicht langerZeit auch die Oberhirten der BiSthümer im Königreiche Bayern versammelt gesehen.Ihr kennt nämlich selbst die Gebrechen der Zeit, die Verderbnisse unserer Tage. Ihr