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wißt, wie Glaube und Gottesfurcht zerfällt, wie frommer, kirchlicher Sinn, Zucht undgute Sitte immer mehr verschwindet, wie das zunehmende Vergessen auf die ErfüllungdeS vierten Gebotes nicht nur das Familienleben, sondern selbst die öffentliche Ordnungbedroht, und wie ein neues Heidenthum seine Apostel sendet, um daS Wort vomKreuze zu lästern, den Glauben an unsern Herrn und Golt, und hiemit die Ehrfurchtund den Gehorsam gegen dessen Stellvertreter den Herzen zu entwinden, ein neueSEvangelium, das des Fleisches, der Welt zu verkünden, und so nicht bloß der öffent-lichen Ordnung Gefahr zu bringen, sondern auch unsterbliche Seelen auf ewig zuverderben. Tief bekümmert über die Wehen einer solchen Zeit und über den Unter-gang so vieler Seelen, und vom Streben beseelt, den schweren Pflichten zu genügen,die das Oberhirtenamt auferlegt, sind also die Bischöfe Bayerns am Grabe des heil.Corbinian in der Stadt Freysing zusammen getreten, um dort in stiller Zurückgezogen-heit vor dem Angesichte GotteS zu erwägen, was da Alles geschehen könne, um denGlauben und die Gottesfurcht wieder anzufachen, den Geist der Frömmigkeit neu zubeleben, bessere Zucht und christliche Sitte einzuführen, das schwer verletzte vierteGebot zum Segen der Menschheit in bessere Uebung und Geltung zu bringen, denGeist des Gehorsams, der Liebe und Ehrerbietung gegen Eltern, Lehrer und Vorge-setzte in den Gemüthern mehr anzuregen und zu fördern, den Schmuck des Hauses desHerrn, die Feier des öffentlichen Gottesdienstes, die Heilighaltung der Sonn- undFesttage zu heben und zu sichern, kurz, sie sind zusammengetreten, um zu erwägen,was da Alles geschehen könne und ihrerseits geschehen müsse, um zur Heilung derWunden Israels in diesem Thale des großen Weinberges des Herrn das Möglichenach Kräften beizutragen. Und sie haben reif und vor Gott erwogen, wohl wissend,daß eS eben so dem Staate wie der Kirche frommt, wenn Glaube, Gottesfurchtund christliches Leben unter den Völkern gefördert wird; sie haben reif und vor Gott erwogen, haben hiernach ihre Entschließungen gefaßt, und nun ist es an euch, Ge-liebteste! den Vater der Erbarmungen anzuflehen, daß er diesen ihren Entschließungenseinen heiligen Segen geben wolle. Möge aber auch der heilige Corbiuian, an dessenGrab die Oberhirten versammelt waren, mögen die Schutzheiligen der ihnen unver-trauten Diöcesen, mögen alle Auserwählten, möge insbesondere unsere Mutter, dieallerseligste Jungfrau Maria, Fürbitte am Throne Gottes niederlegen.
Geliebteste Diöcesanen! Die herannahende Fastenzeit hat die Gelegenheit unSdargeboten, diese oberhirtliche Ermahnung an euch zu richten: Seyd treu euremKönige, treu der heiligen Kirche GotteS , suchet den Herrn in seinen Gesalbten zuehren, und im Gehorsame gegen die heiligen Gewalten, die Gott gesetzt, selig zuwerden. Wir haben aber noch ein anderes Wort der Ermahnung an euch: Betetnämlich alle Tage, betet besonders in dieser heiligen Zeit, in welcher die Kirchelänger als zu andern Zeiten im Gebete verweilt, um die Erbarmungen GotteSherabzurufen, betet in der Inbrunst des Herzens für Alle, welche der Allerhöchsteausersehen, seine Stelle ans Erden zu vertreten. Vetet für den heiligen Vater, PapstPinS IX., der Arm der Allmacht möge seine Stärke seyn, und die Anstrengungen undGebete segnen, womit er alle Welt möchte selig machen. Betet für unsern allergnä-digsten König Maximilian, die Hand des Herrn möge schirmend und schützend überder Krone walten, die Regentensorgen segnen und erleichtern, und die Reichthümeraller Gnaden über das ganze königliche Haus und das gesammte Vaterland sichergießen lassen. Betet für euern Oberhirten, ja für alle Bischöfe der katholischenWelt, daß sie, dem Beispiele der heiligen Apostel folgend, nur «Eines im Auge habe-— GotteS Ehre und euer Seelenheil. Betet für alle Vorgesetzte, daß sie, jeder inseinem Kreise, die Stelle Gottes würdig vertreten, daS anvertraute Amt treu verwal-ten, und am Tage der Rechenschaft bestehen mögen. Betet endlich für alle Menschen,Vorgesetzte und Untergebene, daß sie alle in der Furcht des Herrn wandeln, in heiligerLiebe einander entgegen kommen, und durch vollkommene Unterwerfung unter denWillen des Allerhöchsten die Krone des Lebens zu erstreben suchen. Opfert auch indiesem Sinne in der herannahenden heiligen Zeit ener Fasten und eure Buße auf,