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Wien , 7. Jan. Wir haben gerade tüchtiges Thauwetter und eS scheint dochauch, als wollte eS ausihanen in der geistlos indifferenten Welt unserer Hauptstadt,denn man will in den Predigten der beid u PP. Kli'ukowström Leute gesehen haben,die sonst nicht oder böckst scl cn in der Kirche zu sehen sind, selbst Redacteure, wirwollen glautcn, nicht bloß um deS NniigkeitSblatteS willen. A"er so wie daS Thau«weiter um die jetzig? JahreS<cit noch nicht vor einem nachkommenden strengen Winteruns sicher stellt, so möchte ich auch meine Hoffnungen für die geistigsiltlichc TemveraturWieuS nicht gar zn hoch sp.innen, sie tonnte am Ende leicht wieder unter den Gefrier-punkt herabsinkcn. Predigten allein bekehren, so weit meine unmaßgebliche Meinungreicht, nicht mcbr für sich allein die im sensuale" Treiben und der Lust aufgelösteJetztzeit; diese Zeit, diese Welt muß scharfer gefaßt und nicht so leicht und schnellwieecr entlassen werden, wie das in einer Abend- oder Moraenpredigr der Fall ist.Mir wäre cS viel lieber, wenn für die kommende Fastenze't anstatt der Zeitungsnotiz,daß die PP. KlmkoivströmS und Kanon knS Veith in Wien predigen werden, eShieße: „Wien wird Missionen erhalten", denn Mission ist Predigt und Beichtstuhlzugleich, ist das radikale Mittel der Sinnesänvirnng für Alle und Viele, die mit derAnhörung der Fastenp-cdigtcu ihre ganze Fasten und Buße abgethan glauben. Undwenn wir auch von solchen Zuhörer» absehen möchten, so ist es selbst auch für solche,die die Früchte der Bußpredigt ernten möchten, höchst ersprießlich, ihnen unmittelbarnach der Predigt, nachdem das Herz von und für Gott erwärmt und erweicht ist,die Gclegeuhtit znr Beichte leicht und zugänglich zn machen, ja eS ist so^ar in diesemerlenchteien Augenblick vielleicht der einzige weil von Gott begnadigte Augenblickgek mmen zn einer grün^lich>n Bekehrung und nicht b'oß znr oberflächlichen Ersüllnngder österliche,! Pflicht. Z dem sind auch dann die Beichtväter da und bereit die Beichtezu hören; denn das bleibt für Wien ein geheimes Unglück, daß ungeachtet vielerPredigten wenig gebeichtet wird, wenige zum Tische deS Herrn gehen, billiger Weisemuß man ciugestehcn, daß eine M tnrsache dieses U belS in dem Mangel an Priestern,speciell an Klöstern liegt. Wollte in Wien jeder katholische Christ in seiner Pflichtund über die Pflicht hinaus nur ein wenig mehr aus Liebcöciicr im Empfange derheiligen Sacramcnle ihäiig sey», so genügte die Zahl und Kraf/ der Priester nichtbei den vielftiligen Anfortcrungn, die die Seelsor,!,e einer Hauptstadt an sie stellt.Nmende auS kleinere» Stadien I'cnischlanrS bat eS oft schon befremdet, daß in Wien nicht in jeder Pfarrkirche alle Nachmittage Beichte gesessen wird. Sie würden sichnicht mehr wundern, wenn sie wüßten, d.'ß der Psarrer als Kanzleimann der Seel-sor^e gänzlich einzigen wird, die Capläne aber mit Schule, Tauf- und Versehgäugenbis sp.iicn Äbeud sich müde arbeiten.
So har denn auch hierin der Josephi'niömns durch Anfhebung der Klöster fürdaS sittliche Leben der Hauptstadt sehr stiefvätcrlich gesorgt, deuu die Katholiken, denendie G>l>gcnheit znr Beichte benommen ward, wurden endlich gleichgiltig gegen dieS^cramenie, und gewölbten sich nach und »ach, durch die ncne Zeit illiümnirt, andie Moralpredigt ohne Beicht , d. i. an den Protestantismus, auS dem dau» derplatte JudiffereniiSmuS hervwrwuchS mit seinem Grundsätze der Allcrweltöehrlichkeit.Die Ncv.'luiion von srmo >8ä8 hat endlich dem JosephinismuS die Krone ausgesetzt,indem sie nov von den wenigen Klöstern einige aufhob und die Beichtväter auS ihnenverjagte; war der Hirt geschlagen, so werden sich die Schale der Hecrde zerstreuen,ein Polk ohne Beichte ist bann unser, war aanz richtig von ihr kalknlirt. Soll dem-nach daS vierte Kircheugebot für alle Katholiken wieder erfüllbar seyn, soll wirklichder Empfang der heilig.» Sacramcute der Buße uud deS Altarcö bei uns wieder hei-misch, und Wien dadurch sittlich wiedergebo-en w>rdeu: so möge unö die göitl'cheBori'hnng recht bald die vertriebnien Orden wicdcr geben, die den Arm des Priestersin der Pfarrscelsorge unterstützen und daS Werk der allseitigen Bekehrung ermöglichen.(Salzb. Kirchenbl.)