Ausgabe 
11 (28.9.1851) 39
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er zu haben berufen und fähig ist. Allein hier in dem Lande der Pilgerschaft kanndas Sehnen, mit welchem das Menschenherz sich der ihm bestimmten Seligkeit unbe-wußt zuwendet, auf böse Irrwege gerathen und zwischen dem Dränge nach Bestie,digung und dem Bewußtseyn der Nothwendigkeit Gott allein zu dienen, tritt Ent-zweiung ein. So fühlt der Mensch sich zwischen zwei Gewalten gestellt; es lockt undzieht ihn das Verlangen, in einem Zustande der Befriedigung zu seyn und dennochweiß er sehr wohl, daß eS etwas Höheres gebe, als die eigene Befriedigung zusuchen: weshalb sogar Jener, welcher seinen Vortheil mit dem kältesten Eigennutzeberechnet und wägt, eS sür eine Beschimpfung hält, wenn man ihn eigennützig nennt.Dieß ist der Kampf, welcher in jedem menschlichen Herzen muß auSgefochten werden,dieß ist der Kampf, von welchem der Mcnschensohn spricht:Wer überwindet, sollbei mir auf dem Throne sitzen: gleichwie ich überwunden habe und bei meinem Vaterauf dem Throne sitze."

Der Apostel Jakob lehrt mit vollem Rechte:Jeder wird versucht, indem ervon seiner Begierlichkeit gereizt und gelockt wird, und wenn die Begierlichkeit empfan-gen hat, so gebiert sie die Sünde." Indessen haben die Worte und Beispiele Jener,in deren Mitte wir leben, große Macht, die böse Begierde zu ermuthigen und diewarnende Stimme des Gewissens zu entkräften. Thut es nicht Dieser und Jener,warum soll eben ich es mir versagen? Diese Schlußfolge ist weder bündig noch geist-reich, aber sie übt über Hohe und Niedere, über Gelehrte und Ungelehrte weit mehrGewalt, als sie wissen und einzugestehen geneigt sind. Derjenige, ohne dessen Willenkein Haar von unserm Haupte fällt, wägt und zählt auch die Einflüsse, durch welchedie Abweichung von seinem Gesetze uns ohne unser Zuthun nahe gelegt wird, undläßt nicht zu, daß wir über unsere Kräfte versucht werden. Allein damit wir seinerHilfe würdig seyen, müssen wir auf die Mahnung hören:Wachet, damit ihr nichtin Versuchung fallet." Der Mensch bleibt immer schwach und die göttliche Gnadebleibt immer mächtig. ES war keine Zeit, wo die Kirche nicht unwürdige Mitglie,der in ihrer Mitte sah und eS wird keine seyn. ES war keine Zeit, wo die Kirchenicht durch Beispiele der Glaubenskraft und Heiligkeit geschmückt wurde, und es wirdkeine seyn. Allein die vorherrschenden Geistesrichtungen und Stimmungen wechselnim Laufe der Jahrhunderte, daher wechseln auch die Einflüsse, unter welchen derChrist seine Lebensaufgabe vollziehen soll. Wer durch Arabiens glühende Sandwü-sten ziehen will, der muß sich mit einem Vorrathe an Wasser versorgen; sonst könnteeS ihm begegnen, daß er den langsamen Tod des VerschmachtenS stürbe. Dieß hat,wer hoch im Norden wandert, nicht zu fürchten: dagegen muß er daran denken, sichwider den Frost zu verwahren, sonst kann er auf dem schneebedeckten Felde in tödt-liche Erstarrung sinken. So soll auch der verständige Christ wider jene Abirrungen,zu welchen die vorwaltenden Auffassungen und Stimmungen seiner Zeit ihn hinziehen,sich mit besonderer Sorgfalt waffnen und wahren. Wenn wir also heute vom Schlum-mer aufstehen und in der Kraft des Herrn zum Berge GotteS wandeln wollen, solohnt es sich der Mühe zu fragen: Welche Versuchung ist eS, die der sogenannteZeitgeist uns besonders nahe legt?

Unsere Zeit findet viele und wortreiche Lobredner. In den stürmischen Tagen,welche die Freiheit als einzige Herrscherin und die Freiheit der Meinungen als dashöchste Menschenrecht priesen, war es sehr gefährlich zu bezweifeln, daß wir in einemZeitalter hoher Vollkommenheit leben und nur noch eines kleinen Fortschrittes bedür-fen, um ganz Licht und Tugend zu seyn. Andere sind anderer Meinung und stattvolltönender Worte bringen sie Thatsachen: denn sie weisen auf eine lange, kläglicheReihe von Lastern und Thorheiten hin. Allein wann war die Menschheit an Frevelnarm? Als die warnende Erinnerung an das Verlorne Paradies noch frisch war,erschlug Kain von Neid gejagt seinen Bruder. In Israels ruhmvollsten Tagen, alsDavid siegte und sang, frevelte Ammon an der Keuschheit seiner Schwester, übteAbsalon durch Brudermord Rache und streckte die Hand nach des Vaters Reich undLeben aus. Auch das Schlangenhaupt der Gotteslästerung zischte bereits, wenn auch