310
blätter über die unmoralischen, sittenverderbenden Grundsätze der Jesuiten und überdie von ihnen gepredigte Werkheiligkeit schmieren, s eoutrariv aufzuklären, heben wirnur noch folgenden Satz aus der Predigt des Pater Roder hervor:
„Niemand meine mit Gebet, mit Messenlesen, mit Almosen, daS ungerechteGut ersetzen zu können, damit ist dem Beschädigten nicht geholfen, das ist nur dannzulässig, wenn ein Ersatz auf andere Weise absolut unmöglich ist."
Klarer, durchdringender Verstand, beißende Ironie, eine vollendete Form, eineglänzende Sprache, treffende Bilder und Vergleichungen, ein lebendiger eindringlicherVortrag zeichnen die Predigten deS Pater Roder aus, der es sich hauptsächlich undvor allen Andern zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, auf den Verstand zu wirken.
Am Mittag des 6. September predigte Pater Schlosser über die Pflichten derEltern. Die Predigten dieses Pater haben meist katcchetische Form, sind für daöVolk berechnet, äußerst klar und verständlich und bemühen sich namentlich durch öftereWiederholungen der Fassungskraft der unteren Volköclassen den Gegenstand möglichstklar zu machen.
Abends predigte Pater Zeil über die Barmherzigkeit GotteS. Bei diesem Red-ner vereinigt sich Alles, um auf das Gemüth einen tiefen Eindruck zu machen. Eineschöne jugendliche Gestalt, ein klangvolles Organ, ein fließender, eindringlicher Vor-trag, eine gefühlvolle Sprache, ihm hörte man selten mit trockenen Augen zu, dieThränen flößen reichlich, wenn er sprach.
Am Sonntage mußte wegen deö großen Andrangs von Fremden im Freiengepredigt werden, eben so am Montag, den 8. September, am Festtage MariäGeburt, wo sich zwischen 12 und 15,000 Personen eingefunden hatten. An diesemTage begannen die verschiedenen Feierlichkeiten, welche einen Theil der Mission bil-den, mit der Empfehlung unter den Schutz der Gottesmutter Maria. Pater Roderhielt die Predigt über die Verehrung Mariens, worin er zunächst dem Vorwurfebegegnete, als würde die Gottesmutter von den Katholiken angebetet und sodannauS dem katholischen Dogma nachwies, wie berechtigt die Verehrung der heiligenJungfrau sey. Vor dem Beginn der Predigt war ein Marienbild von mehr alshundert Jungfrauen begleitet, welche alle Kränke in den Haaren trugen, in feierlicherProcession auf den freien Platz hinausgetragen worden. Ich hatte die Gewohnheit,die meisten Predigten nachzuschreiben, aber heute war es mir unmöglich den herr-lichen, begeisterten Schluß dieser Marienpredigt niederzuschreiben, heiße Thränen füll-ten mein Auge und benetzten das Papier, auf das ich schrieb, der Bleistift entsankmeiner Hand, ich weinte wie ein Kind. Und was müßte auch daS für ein Herzgewesen seyn, das gefühllos geblieben wäre bei diesen herrlichen, ergreifenden Wor-ten, bei dem Anblick dieser andächtigen Menge, welche tief ergriffen nnter dem inden letzten Strahlen der Abendsonne glühenden Firmamente mit feierlicher Stimme dieFormel der Empfehlung in den Schutz der Gottesmutter und daö Gelöbniß einesreinen und frommen Lebenswandels nachsprach. Als der Prediger geendet hatte, zogman in feierlicher Procession 'unter dem Geläute der Glocken wieder in die Kirchezurück, wo auf dem mittlern Altare im Schiff der Kirche der Namenszug der Him-melskönigin mit der Krone flammte. Der ganze Weg, den die Processton nahm, unddie breite Kirchenstaffel waren von andächtigen Landleuteu mit entblößten Häupternbelagert und es gemahnte mich dieser Anblick an jene frommen altdeutschen Bilder,auf denen man immer fromme Beter, meist Landleute mit gefalteten Händen undbarhaupt vor einem Crucifir oder einem Muttergottesbilde knieen sieht. Die PredigtdeS Pater Roder hatte sichtlich einen tiefen Eindruck gemacht, denn man verdankteihr den rührenden Anblick, daß man, als die Glocken zum englischen Gruße läuteten,ganze Gruppen in den Straszcn knieen und andächtig beten sah.
Am darauf folgenden Tade fand die zweite der die Mission begleitenden Feier-lichkeiten, die Versöhnung mit den Feinden vor ausgesetztem Allerheiligsten und einembeleuchteten Kreuze statt. In erschütternder Rede stellte Pater Zeil daS SündhaftedeS Hasses und der Feindschaft seinen Zuhörern vor und forderte Alle auf, einander