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ausgedehnt und stehen kampfbereit dem Protestantismus gegenüber. Nur eine Gele-genheit, und sie werden sich auf ihn stürzen, seine Beute ihm abjagen. Diese Gele-genheit kam mit der Bekehrung des Herzogs Wolfgang Wilhelm von Neuburg.
(Schluß folgt.)
Zwei Predigten von Joseph Othmar ,
' Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben .
II.
(Schluß.)
Die Abwendung der Seele von Gott tritt nicht immer in gewaltigen Leiden-schaften und grellen Verbrechen hervor, meistens gibt sie sich in weit zahmerer Weisekund. Wo dein Schatz ist, dort ist dein Herz, spricht der Herr, und wenn unserHerz bloß bei dem ist, was unö für die kurze Zeit deS Lebens Gewinn und Wohl-behagen verspricht, so haben wir unsern Schatz auf Erden und nicht im Himmel.Das Versinken in den Augenblick und seine Güter, das Erkalten für die Ewigkeitund ihre Hoffnungen ist eine schlimme, Gefahr drohende Krankheit der Seele, welchein der Regel noch schwerer zu heilen ist als daS hitzige Fieber der Leidenschaft unddiese Krankheit ist in unsern Tagen zu einer Seuche geworden, deren lähmenderGifthauch sich weit verbreitet! Der Apostel Paulus ermahnt die Christen, das Irdischezu gebrauchen als gebrauchten sie eS nicht; jetzt hat man daS Geheimniß erfundenzu glauben als glaubte man nicht. Bist du ein Christ? Das versteht sich. Glaubstdu an den dreieinigen Gott, der dich geschaffen hat, glaubst du, daß der SohnGottes Mensch geworden ist, um dich durch seinen Tod am Kreuze zu erlösen? Nunja; aber das geht die Theologen an. So lautet die ablehnende Antwort, wenn sieauch nicht mit den Lippen ausgesprochen wird; man weiS't jede Aufforderung, sichüber die Ausgaben des eigenen Lebens Rechenschaft zu geben, mit Mißbehagen ab.Glaubst du an den Richter der Lebendigen und Todten, vor dessen Throne auch dueinst daö Urtheil empfangen wirst? Diese Frage ist gar zu unbescheiden. Wie kannman den Fanatismus so weit treiben und die Leute an so unangenehme Dinge erin-nern? Mit einer Regung deS AergerS wendet man sich ab; der eS schon weitergebracht hat, fügt ein Achselzucken deS Zweifels hinzu, ein Anderer murmelt Etwasvon GotteS unerschöpflicher Barmherzigkeit, doch Keiner will ein Ja oder Nein zumklaren Bewußtseyn bringen.
Dieß Christenthum ist eine winterliche Sonne, bei welcher die Kraft der christ-lichen Gesinnung so wenig gedeihen kann als im Jänner die Traube reift und dieRose ihren Blüthenkelch entfaltet. Nur zu Viele dieser Christen beflecken sich schaam-loS durch Werke der Unlauterkeit, in welchen sie höchstens eine kleine, menschlicheSchwäche sehen wollen. Viele greifen Unbedenklich nach ungerechtem Gewinne, wo-fern eS nur nicht geradezu ein Diebstahl ist: denn Wer wird nicht für sich und dieSeinigen sorgen? Die Zeiten sind ohnehin schlecht genug. Verleumdungen, Ränke,Feindseligkeiten werden gar nicht in Rechnung gebracht. Andere sind nun allerdings,waS daS Mein und Dein betrifft, rechtschaffene Leute, Einige Wenige enthalten sichauch von der Befleckung unreiner Lüste und dieß ist wohl EtwaS: denn eS ist einBeweis, daß sie für die wahre Ehre und die wahre Schande nicht alles Gefühl ver-loren haben. Allein ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, sich daS Leben so ange-nehm als möglich zu machen und kann man ihnen nicht nachweisen, daß daS, waSsie thun und begehren, schlechthin und unter allen Umständen verwerflich sey, so glau-ben sie vollkommen in ihrem Rechte zu seyn. Ist eS eine Sünde, schöne Kleider zutragen, an einer wohlvesetzlen Tafel zu sitzen, Gesellschaften zu besuchen, Ehrentitelzu führen, hohe Aemter zu bekleiden? Weil nun dieß AlleS an und für sich genom-men keine Sünde ist, so meinen sie von allem Tadel frei zu seyn, wenn sie nichtsHöheres als diese Dinge kennen und verlangen. Aber sie besuchen doch die Kirche?Ja, sie zeigen sich hin und wieder bei der heiligen Messe. Aber meistens beweiö't