Ausgabe 
11 (5.10.1851) 40
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ist es doch billig, daß wir für Alles, was die christliche Wahrheit und das christ-liche Leben angeht, wenigstens eben so viel Interesse fühlen als der Landmann umseiner Ernte willen an dem Wetter hat. Können wir dieß von uns sagen? Ist eSz. B. für uns eine Herzenssache, vor Allem in unserm eigenen Hause christliche Zuchtund Ordnung zu wahren? Wenn wir sehen, daß Einer unserer Mitchristen sich durchverbotene Lust befleckt, erwacht in uns das Gefühl deS Abscheues, welches der Sündegebührt zugleich mit dem innigen Mitleiden, welches wir dem Sünder schuldig sind?Oder behandeln wir die Sache als einen Gegenstand der Unterhaltung und forschenneugierig nach und stellen Vermuthungen auf und werden nicht müde, davon zuerzählen und erzählen zu hören? Wir haben oft genug Gelegenheil, die Stimme derVethörten zu vernehmen, welche sich mit blinder Wuth wider Gott und sein Gesetzund seine Kirche erheben. Balv rasen sie in rohen Lästerungen, bald stacheln sie sichzu schalen Witzeleien auf, bald suchen sie den Frevel in glatte, flimmernde Worte zuverkleiden. Aber der Sinn bleibt immer derselbe, nämlich: Reiße dich von Gott unddem Gewissen los, wo und wie immer Gott und Gewissen dich beirren. Fühlen wirbei solchen Schmähungen der Wahrheit Dasjenige, was ein treuer Sohn empfindet,wenn man Verleumdungen wider seinen Vater ausstößt? Oder bleiben wir gleich-giltig? Finden wir eS, wofern es nicht gar zu arg kömmt, sogar unterhaltend?Nicken wir etwa auch Beifall, um nicht für Finsterlinge zu gelten? Wir hören dieheilige Messe, wir beichten, wir empfangen den Leib des Herrn. Aber regt sichin uns ein Wehen der heiligen Scheu, womit wir dem Lamme Gottes, welches seinVersöhnungsopfer erneuert, welches huldreich für unS zur Speise wird, den Zoll derEhrfurcht und Liebe darbringen sollen? Ist es uns Ernst, in der Reinigkeit der Ge-sinnung vorzuschreiten und alle Flecken unserer Seele auszutilgen? Oder sind unserefrommen Uebungen denn doch halb und halb eine Sache der Gewohnheit, bei welcherdas Herz sich sehr mäßig bctheiligt,?

Verwenden wir die zweite Hälfte der Jubiläumszeit dazu, um unS diese weni-gen Fragen gründlich zu beantworten. Dann wird die Antwort auf viele andereFragen sich von selbst ergeben und wir werden beurtheilen können, ob unser Eiferfür Gott und sein Reich auf Erden lebendig sey? Das Uebel, an welchem unsereZeit siecht, liegt weniger in dem Bösen, welches vorhanden ist, als in dem Guten,welches mangelt. DaS Feuer der christlichen Begeisterung muß wieder auf demAltare unseres Herzens entbrennen und von ihm wird ein Licht ausgehen, in dessenGlänze die Erde und die Güter der Erde für uns das Angesicht ändern. Schicktder Herr unS Freuden, so werden wir sie dankbar von seiner Hand empfangen undüber der Gabe des Gebers nicht vergessen. Führt der Herr uns in die Schule derTrübsal, so werden wir gedenken, daß er uns nur wenige Tropfen reicht aus demKelche, welchen er selbst ausgetrunken, daß der Gerechte in der Trübsal geläutertwird, wie das Gold im Feuerofen und der ewige Richter jede Entbehrung, jedenSchmerz des Leibes und der Seele, wofern wir im Glauben und Ergebung dulden,als ein Opfer der Genugthuung für unsere Sünden väterlich annimmt. Segnet derHerr unS mit reichlicher Habe, so steht Er unS vor Augen, welcher verheißen hat:WaS ihr dem Geringsten von Diesen thut, das habt ihr mir gethan! und unserUcberflnß wird zur Erquickung der Nothleidenden. Haben wir wenig, so ertragenwir das Bittere des Mangels so wie die Heiligen die Entbehrungen und Beschwerdentrugen, welche sie beseelt vom Geiste der Buße sich auferlegten und die Hoffnung deSewigen Lebens wird unsere Armuth reich machen. Vereint in dem Bunde der Liebe,welchen der Meister der Liebe gestiftet hat, werden Hohe und Niedere, Arme undReiche dastehen und dem Herrn ihrem großen Gott muthig das Zeugniß geben.Dann weichen die unheilvollen Gewalten, welche gleich dem Löwen einhergehen undsuchen, wen sie verschlingen. Dann ist die Erde zum Vorhose deS Himmels gewor-den. Herr, dieß verleihe unS: denn um Großes zu bitten, gibst du uns den Müth'IHerr, erneuere dein Reich aus Erden I Amen.

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