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was ist das? Sich Gott hingeben und Gott genießen. Denn von der Zelle steigtman zum Himmel: kaum aber steigt man jemals von der Zelle in die Hölle. Dennkaum wird ein Sterbender jemals von der Zelle in die Hölle steigen, weil kaum Je-mand bis zum Tode in derselben ausharrt, außer der zum Himmel bestimmt ist.
DaS höchste Verderben des Geistes ist der Müßiggang . Der Müßige wirdalso nie ein Diener Gottes . Sich Gott hingeben ist kein Müßiggang, sondern das- Hauptgeschäft aller Geschäfte. Ein Bewohner der Zelle muß an dem Tage nicht gutgelebt zu haben glauben, an dem er sich erinnert, nichts von dem gethan zu haben,weßwegen man in der Zelle lebt. Du fragst, was du thun sollst, oder worin dudich beschäftigen sollst? Zuerst darf man dem Tage seinen treffenden Theil nicht ent-ziehen für das tägliche Opfer des Gebetes, für Lection und Studium, für die täglicheErforschung des Gewissens, für die Besserung und Ordnung der Sitten. Dann isteine Handarbeit zu verrichten, welche anbefohlen ist nicht so fast daß sie durch Unter-haltung auf eine Stunde den Geist aufheitere, als vielmehr daß sie die Lust an geisti-gen Studien erhalte und ernähre.
237. Zerknirschung.
Es werde durch das Messer einer scharfen Zerknirschung die Wunde der veral-teten Gewohnheit ausgeschnitten!
Ich sehe zwar nach dem schweren Falle die Thränen des Petrus, höre abernicht dessen Gebet, und doch zweifle ich nicht an der Verzeihung seiner Sünde.
Neige zu dir die gütigen Ohren deS Herrn: bitte ihn unausgesetzt mit Thränenund Seufzern wegen deiner Uebertretungen, und lobe und verherrliche ihn durch geist-liche Gesänge in allen deinen Werken. Nichts aber sehen die HimnielSbewohner lieber,nichts ist dem höchsten Könige angenehmer, wie er selbst bezeugt: „Ein Lobopferwird mich ehren."
238. Zeugniß.
Das Zeugniß des Gemissens ist wahr, wenn der heilige Geist selbst unsermGeiste Zeugniß gibt, daß wir Kinder Gottes sind. Weiter glaube ich,daß dieses Zeugniß in drei Dingen bestehe. Denn zuerst muß man glauben, daß dukeine Nachlassung der Sünden erhalten könnest, außer durch die Verzeihung GotteS.Dann daß du kein gutes Werk an dir haben könnest, wenn er selbst es nicht gibt.Zuletzt daß du das ewige Leben durch keine Werke verdienen könnest, wenn dir nichtauch dieses umsonst gegeben wird. Denn wer kann rein machen den, der vonunreinem Samen empfangen? Bist'S nicht du allein? Auch von denguten Werken ist es ausgemacht und gewiß, daß sie Niemand von sich selbst habe.Denn wenn die menschliche Natur nicht feststehen konnte, da sie noch unverdorbenwar, um wie viel weniger wird sie durch sich selbst auferstehen können, da sie verderbtist? ES ist gewiß, daß Alles (so viel eS möglich ist) nach seinem Ursprünge trachte,und daß Alles sich mehr auf diese Seite neige. So ist es auch von uuS gewiß,weil wir aus Nichts erschaffen sind, daß, wenn wir uns selbst überlassen sind, wirzur Sünde uns neigen, die ein Nichts ist. Vom ewigen Leben aber wissen wir,daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der zukünf-tigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird, auch dann nichr,wenn Einer alle ertragen würde. Denn die Verdienste der Menschen sind nicht vonder Art, daß unS das ewige Leben nach dem Rechte gebührt, oder daß Gott einUnrecht begehe, wenn er es uns nicht gibt. Denn geschweige daß alle VerdiensteGeschenke Gottes sind, so ist der Mensch mehr seinem Gott ein Schuldner, als Gottdem Menschen. Was sind alle Verdienste gegen eine so große Herrlichkeit? Wenndu also glaubst, daß deine Sünden nicht getilgt werden können, außer von dem,gegen den du gesündiget hast, auf den aber die Sünde nicht fällt, so thust du wohldaran. So ist eS auch wegen der Verdienste, wenn du glaubst, du könnest sie nichthaben, außer durch ihn, nicht hinreichend, bis dir der Geist der Wahrheit das Zeug-