Ausgabe 
11 (12.10.1851) 41
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niß gibt, daß du sie durch ihn hast. So mußt du auch über das ewige Leben einZeugniß deS Geistes haben, daß du zu demselben durch göttliches Gnadengeschenkgelangen werdest. Denn Er selbst verzeiht die Sünden, Er gibt die Verdienste, undgibt nichts desto weniger die Belohnungen wieder dafür. Nichts ist klarer, als diesesLicht, nichts rühmlicher, als dieses Zeugniß, wenn sich die Wahrheit im Geiste ab-spiegelt, und der Geist in der Wahrheit sich schaut. Aber welch geschämige, erröthende,furchtsame, umsichtige, durchaus nichts zulassende Wahrheit schaut er, was den Ruhmdes Gewissens verletzen könnte, indem daS Gewissen ihm darüber Zeugniß gibt,worüber die Gegenwart der Wahrheit erröthen müßte. Das ist es wahrlich, wasüber alle Güter der Seele den göttlichen Anblick ergötzt.

Jeder hat eine vollkommene und freie Entschuldigung, das Zeugniß seines Ge-wissens. Ich will, daß du dich deS Zeugnisses deS Gewissens rühmst, aber auchnichts weniger will ich, als daß du durch selbes dich demüthigest. Selten kann mansagen:Ich bin mir nichts bewußt." Vorsichtiger wandelst du im Guten, wenn duauch daS Böse nicht vergissest. Daher kenne dich selbst, daß du unter den Leiden,die nicht mangeln, das Gut deS Gewissens genießest, noch mehr aber damit du wissest,was dir sehlc. Denn wem geht nichts ab? Dem fehlt Alles, der da glaubt, eSfehle ihm nichts.

Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur der GeistdeS Menschen, der in ihm selbst ist? Im Vergleiche mit dem innern Zeugnisseist daS äußere für nichts zu halten. Ja, wenn der Geist, der im Menschen ist,Alles, was des Menschen ist, wissen könnte, so würde wahrlich sein Zeugniß hin-reichen. Nun aber ist das Herz des Menschen verderbt und unerforschlich, sogar sichselbst, so daß sogar daS Gegenwärtige großen Theils nicht weiß, das Zukünftigeaber durchaus nicht wissen kann. Weil es jedoch einigermaaßen daS Gegenwärtigeweiß, so haben wir, wenn es nur nicht tadelt, doch noch keinen Ruhm vor Gott ,sondern nur Zutrauen zu Gott . Wenn wir aber den AuSspruch seiner Wahrheit,der nichts verborgen ist, in uns zu behalten verdient haben, können wir uns sicherin derselben rühmen. Denn was kümmere ich mich um das Urtheil eines andernMenschen, auf dessen Tadel hin ich nicht verwerflich und auf dessen Lob hin ich nichtgerecht befunden werde? Brüder, wenn ich vor einen Richterstuhl mich stellen muß,werde ich mich mit Recht eures Lobes rühmen. Ja, wenn ich durch die Prüfungmeines eigenen Richterstuhles gerichtet werden müßte, würde ich mit Recht über meinZeugniß zufrieden seyn, und am eigenen Lobe mich erfreuen. Nun aber werdeichnicht vor euern und nicht vor meinen, sondern vor Gottes Nichterstuhl mich stellenmüssen. Welche Thorheit, welcher Wahnsinn ist eS also, mich entweder euers odermeines Zeugnisses zu rühmen, besonders da Einer ist, vor dessen Auge Alles bloßund aufgedeckt ist, und der es keineswegs nöthig hat, daß ihm Jemand ein Zeugnißüber einen Menschen ablege.

239. Zorn.

Dein Eifer muß dir bewußt seyn, deine Sanftmuth, auch die Unter-scheidung, die Vermittlerin dieser Tugenden, wie du im Verzeihen der Unbildenbeschaffen seyn sollst, wie im Bestrafen derselben, welch ein vorsichtiger Beobachterder Art, deS Ortes, der Zeit in Beidem. Drei Dinge sind zu beachten in der An.Wendung dieser Tugenden, damit sie nicht Untugenden seyen, wenn sie darüber hinaus-kommen. Diese Tugenden nämlich macht nicht die Natur, sondern die Anwendung.An und für sich werden sie nicht unterschieden. Deine Sache ist es, entweder durchMißbrauch und Verwirrung Fehler, oder durch guten und ordentlichen GebrauchTugenden zu machen. Wenn daS Auge der Unterscheidungsgabe dunkel ist, pflegensie sich einander die Plätze zu. entreißen und die Gränzen zu überschreiten. Vondieser Dunkelheit gibt es zwei Ursachen: der Zorn und eine zu weichliche GemüthS-stimmung. Diese entnervt die Strafe deS Gerichtes, jener übereilt sie. Denn wo-durch kann nicht Eines oder daö Andere in Gefahr kommen, entweder die Güte in