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die Gefahr der Nachsicht, oder die Gerechtigkeit in die Gefahr des Eifers? Das vomZorn geblendete Auge sieht nichts gut an, daS durch zufällige und weibische Weich-lichkeit verwirrte Auge sieht das Rechte nicht. Du wirst nicht unschuldig seyn, wenndu entweder den strafest, der vielleicht Schonung verdient hätte, oder den verschonst,der hätte gestraft werden sollen.
Eine natürliche Gemüthsbewegung ist der Zorn deS Menschen, aber denen, diedie Gaben der Natur mißbrauchen, ist er ein schwerer Verlust und ein bedauernS-wertheS Verderben. Wollet euch nicht erzürnen über Jene, welche euch vergänglicheGüter rauben, welche euch beschimpfen, welche euch in Strafen bringen, und weiternichts mehr thun. Ich will euch aber zeigen, wem ihr zürnen müsset. Zürnendarüber, was euch allein schaden kann, allein machen kann, daß euch alle jene Dingenichts nützen. Wollet ihr wissen, was dieses sey? Die eigene Bosheit. Von diesersage ich euch: „Zürnet über sie." Denn kein Unglück wird schaden, wenn keineBosheit herrscht. Wer vollkommen über sie zürnt, der wird nicht aufgeregt, undumfaßt das Widerwärtige.
„Zürnet ihr, so sündiget nicht." Du wirst aber nicht weniger sündigendurch zu heftiges Zürnen, als wenn du gar nicht-zürnest. Nicht das Zürnen, woman zürnen soll, ist Sünde, sondern der Widerwille gegen die Besserung. Sich abermehr zu erzürnen als es nöthig ist, heißt Sünde zur Sünde fügen. Wenn es Sündeist, das Böse nicht zu bessern, wie wird eS nicht eine Vermehrung des Uebels seyn?Niemand verdient mehr Zorn, als ein Feind, der sich in einen Freund verstellt.
Wir haben es schon öfter als einmal ausgesprochen: daß der gegenwärtigeanglikanische Erzbischof von Canterbury als der verknöcherte Träger des staatskirch-lichen Princips — wie auch als eifriger Fortspinner desselben in die weitesten Con-sequenzen hinaus betrachtet werden kann. Er ist für das anglicanische England ganzdasselbe, was uns leider durch lange Jahre die Verkündiger der reinen Jesuslehre inDeutschland gewesen sind. Seine Herrlichkeit ist nach den Berichten englischer Blätterin jüngster Zeit in seinem Ausklärungsproceß schon wieder um einen großen Schrittweiter gegangen, und hat in einem höchst eigenhändigen Erlaß der Negation inder sogenannten anglicanischen Kirche großartige Zugeständnisse gemacht. SeineHerrliMeit behauptet nämlich in einem von ihm ausgegangenen Schreiben, daß nachAnsicht fast aller anglicanischen Prälaten O h. der mit ihm Gleichgesinnten, oderGlcichgesinnungslosen) die bischöfliche Händeauflegung bei der Ordination rein unnö-thig sey, und also sämmtlicher anglicanische Klerus den deutschen protestantischenPredigern — was den gänzlichen Mangel pricsterlichen Charakters auch im Aeußern,noch aus der katholischen Zeit beibehaltenen Ritus anbelangt — getrost die Handzum Bunde reichen könne. Wenn wir nun einerseits gar wohl wissen, daß die ang-licanische Ordination keine Geltung hat — so war durch den Act der Händeauflegunaim Anglicanismus bisher doch noch immer der Nothwendigkeit apostolischer Sendung,in der äußern Form wenigstens, ein Zugeständniß gemacht; und um dieses Zuge-ständnis), um diese Reminiscenz aus der katholischen Kirche des Anglicanismus zubringen, ist das neueste Streben des edlen Lord-Erzbischofs von Canterbury . Offenbarhat der gute Herr hierbei die Absicht, dem PuseyiSmuS hiemit einen Schlag zu ver-etzen, der ihm ungefähr in derselben Weise verhaßt ist, wie in Deutschland den Feh-ronianern der Ultramontanismus — aber der Herr Erzbischof wird sich in diesemseinem vorhabenden Experimente sicherlich irren. Die Puseyiten erkennen es gar gut,auf was eS mit dieser neuen Maaßregel hinausgeht, und haben bereits beschlossen^gegen den verkäuflichen, ungläubigen Prälaten sich in Fronte aufzustellen. Schonsind eine Unzahl von Protesten in die Folterkammern des Canterburyschen Kanzella-riates hineingeflogen, und es steht in Aussicht, daß noch ein tüchtiger Schwärm sol-