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sagen, mit der Muttermilch die Furcht des Herrn, Gottesfurcht, sonach den erstenKeim der Weisheit einzuflößen: denn die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.Ps. 110, 1t>. Trefflich sagt der unsterbliche Sailer in seiner ErziehungSlehre vonder Mutter, sie — die gottesfürchtige Mutter — ist dem Kinde bald Sokrates, indemsie es Begriffe suchen, finden läßt; bald Johannes, indem sie eS zu Christus weiset;bald Maria, indem sie ihm vom Vater im Himmel erzählet; bald Hanna, indem sieden jungen Samiel beten und den Ruf GottcS verstehen lehret. Die gute Mutterhat zwei Organe, durch die sie daS Kind für das Gute erziehet; sie heißen Liebe undReligion. Als liebend ist sie dem Kinde das Bild der Tugend; als Gott verehrend wecketsie in dem Kinde den Keim der Religion. Und da Religion und Liebe dem Wesennach Eines sind, so pfleget sie durch die Liebe die Keime der Religion, und durchReligion die Keime der Tugend.
Soll indeß die erste Erziehung an' dem zarten Stamme gedeihen, so darf derVater nicht niederreißen, was die gottesfürchtige Mutter aufbauet; er muß vielmehrdurch Wort und Beispiel auf die Erziehung des KindeS fördernd einwirken, oder beideTheile, Vater und Mutter müssen in der Gottesfurcht überhaupt, und in der Liebegegen die Kinder besonders, so wie in unverrückter Treue gegeneinander, Harmoniren,Eines seyn. Sonst ist die religiös-sittliche Erziehung, Erziehung im eigentlichenSinne deS Wortes, unmöglich. Treue im Respecte gegen Gott und ihr Gewissensoll sie als Menschen, Treue in Liebe gegeneinander soll sie als Gatten, Treue inSelbstaufopferung für Kinder soll sie als Eltern auszeichnen. Diese Treue ist daSgroße Drei-Eins, in dem die Eltern Eins seyn müssen, wenn sie erziehen, und ihrgroßes Tagewerk, daS der Erziehung, gelingen soll.
Wie der junge Stamm sorgfältiger Pflege bedarf, wenn er in seinem Wachs-thums gedeihen und gegen schädliche Einwirkungen gesichert seyn soll: so muß daSKind, der Schuler unter wachsame Hut gestellt werden, wenn sein Geist gesundheranreifen, sein Herz durch keine feindliche Nähe gefährdet, sondern wahrhaft erzo,gen, unterrichtet, gebildet, Gott und Menschen wohlgefällig werden soll. Das Kindwird der Schule, den Lehrern und Lehrerinnen zur weitern Erziehung und in Unter-richt gegeben: eS wird Schüler. Mit sichtlicher Freude führt das noch schwache Kinddie Mutterhand in die Schule: denn sie weiß, daß es in dem freundlichen Lehrereinen andern Vater, und in der entgegenkommenden Lehrerin eine zweite Muttererhalte, die dem Kinde das weitere Wachsthum in der ersten Erziehung verschaffen,eS gegen alle schädlichen Einflüsse sichern. Und wahrhaftig, die guten, um daS Wohlihrer Kinder so sehr besorgten Eltern irren sich nicht. Mit aller Liebe und Freund-lichkeit nehmen gleich höhern Genien die Lehrer und Erzieher, die Lehrerinnen undErzieherinnen sich der lieben Kleinen an, und beginnen so die große Lebensbildungund die so wichtige Veredlung an dem jungen zarten Stamme durch Erziehung undUnterricht, und führen dieselbe natur- und vernunftgemäß, einsprechend den Grund-sätzen ener wahren Pädagogik von Stufe zu Stufe, angemessen den allmälig auf-tauchenden Geistes- und den sich allmälig entwickelnden Leibeskräften. Doch, wie derjunge Stamm, den man der Früchte wegen pflanzt, die Erwartung des Pflanzerserst dann erfüllt, wenn er durch ein Pfropfreis edlerer Art verbessert ist: so wird derSchüler, der Zögling deS Reiches Gottes, den Hoffnungen seiner Eltern und dengerechten Erwartungen des Vaterlandes erst dann entsprechen, wenn seine Natur,die, sich selbst überlassen, verwildert, durch daS Pfropfreis der Religion Jesu Christi und durch seine Gnade veredelt ist. Darum theilt sich mit in das hochwichtige Ge-schäft der Erziehung und des Unterrichtes der Schule die Kirche, behauptet ihrenersten Antheil, indem sie als Stellvertreterin deS göttlichen Meisters ruft: „Lasset dieKleinen zu mir kommen: wehret denselben nicht: denn ihrer ist daö Himmelreich."Matth . 19, 16.
Hand an Hand gehend ist Kirche und Schule während einer Periode von bereitszwölf Jahren bemüht, in den ihnen anvertrauten Kindern die mit der Muttermilch ein-gesogene Furcht Gotteö zu erhalten und zu bestärken; ihnen wahre Erkenntniß GotteS