Ausgabe 
11 (2.11.1851) 44
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und ein so langes Leben verliehen. Auf dieß letztere thaten sie sich besonders viel zugute, und der Magier hörte deutlich, welche große Pläne sie für ihr übriges Lebenentwarfen, und wie mitleidig sie auf die Eintagsfliegen herabsahen, welchen nur einigeStunden zu leben vergönnt ist. In einer Ecke saß eine gar fette Blattlaus, die zusich selber sprach: So ist nun mein Glück befestigt und ich bin gegen jeden Sturm desSchicksals gesichert. Lange habe ich auf diesen Punct hin gesteuert, endlich ist esmir gelungen, ein Gegenstand des Neides für meine Mitbürger zu werden. MeinenKindern habe ich das schönste Rosenblatt im Lande angewiesen, meine übrigen Tagesollen aber nicht ungenützt verschwinden und die Welt soll von mir hören. O ihrarmen Geschöpfe! sprach der Magier zu sich selbst; und doch, handelt der Menschvernünftiger, der seine wenigen Lebensminuten für unvergänglich hält, und als seineGötter entweder die Rose der Sinnenlust oder den Goldkäfer des Geizes, oder dieTulpe des Stolzes anbetet, ohne zu bedenken, daß Rose und Tulpe welkt und derKäfer in Staub und Unrath hauset? Am andern Tag, als der Weise wieder anderselben Stelle vorüberging, lagen die Rosenblätter am Boden und der ganze Stockwar wie zerrissen, denn eS hatte in der Nacht ein Sturmwind gewüthet. DieBlattläuse schwiegen.

Die Ewigkeit.

Jene unselige Gesellschaft der Verdammten, scheint sie uns nicht in einer dunk-len, nur spärlich vom blutrothen Widerschein der Feuergluth erleuchteten Höhle bei-sammenzusitzen und vor sich hinzubrüten? In der Mitte dieser unabsehbar weiten Höhlehängt vom ungeheuern Gewölbe der Perpendikel einer Riesenuhr herab. Man siehtkeine Zahlen und kein Zifferblatt, eS laufen keine Zeiger, eS tönt keine Glocke- Wiedieser schwerfällige Pendel in träger Schwingung hin und her schwebt, tönt eS hohl,wie aus dem Munde einer leblosen Maschine, durch die Abgründe des Gewölbes:Immer, Nimmer! Nimmer, Immer! Und in den Herzen der Verdammten hallteS wider: Immer, Nimmer! Nimmer, Immer! Immer im Tod, Nimmer zuGott ! Nimmer ein Hoffnungsschein, Immer in Qual und Pein!

Da erhebt sich Einer der Verworfenen, der erst seit Kurzem diese Qualen kennt.Er hat sich die Augen wund gesehen nach den mangelnden Zeigern und Ziffern derUhr, und harret schon lange vergeblich, daß die Glocke einmal eine Stunde aus.schlage. Jetzt richtet er sich von seinem SchmerzenSsitze auf, läßt die stieren AugenringS herum schweifen und fragt mit heiserer Stimme: Wer sagt mir doch eigentlich,wie viel Uhr eS ist, und wie wir in der Zeit sind? Einer seiner Mitgenossen rcglsich ächzend und ruft ihm mit Zähneknirschen hinüber: Schweig, Verfluchter! Ver-stumme! Hier gibt eS keine Minuten, keine Stunden, keine Tage, keine Wochen,keine Monden, keine Jahre; hier gibt eS keine Zeit und keine Zeiten; hier gibt esnur eine Ewigkeit. Frage nie mehr, wie wir in der Zeit sind, denn wir sind längstüber alle Zeit hinaus; hier ist immer Ewigkeit! Der, weicherfragte, sinkt mit einemSchrei der Verzweiflung auf seinen SchmerzenSsitz zurück. Und ungestört setzt dergroße Perpendikel seinen langsamen, bedächtigen Schwung fort, und ununterbrochentönt eS wieder dumpf aus den unsichtbaren Rädern deS nie ablaufenden Uhrwerks:Immer, Nimmer! Nimmer, Immer! (K. Sbl.)

Die christliche Kunst und ihr Organ.

(Nach dem Wests. Kirchenblatt,)

Wenn man auf die Lage der christlichen Kunst im vorigen Jahrhunderte uudim Anfange deS jetzigen zurücksieht, so wird man wirklich von Schauder ergriffen,und dankt dem lieben Gott, daß eS anders, daß eS besser geworden ist. Das Jahr-hundert der Aufklärung, seicht und flach in der Philosophie, Theologie, Geschichte,Politik, vor Allem aber geschmack- und ideenlos in der Kunst, eS wird noch als das