Ausgabe 
11 (9.11.1851) 45
Seite
353
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

Eilfter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

< zur

Augsburger Pojheitung.

9. November M HS. 1851.

Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementsprei«4V kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann.

Die Barmherzigkeit.

Ein Beitrag zu der Beschreibung der Grundsteinlegung zu demneuen katholischen Krankenhause in der großen Hamburger StraßeNr. 10 in Berlin am 20. October 1850.

Motto. Selig find die Bariicherzigen, denn sie werdenBarmherzigkeit finden.

ES war Morgens halb fünf Uhr am 20. October des Jahres 1851. Nochlag finstere Nacht auf dem weiten Berlin , und seine Bewohner ruhten süß in denArmen deS Schlafes. Nur eine Abtheilung Constabler, in Mäntel gehüllt, harrtauf dem Eisenbahnhofe der Ankunft des MorgenzugeS. ES pfeift gellend, daß vorSchmerz über den schneidenden Ton selbst die Wolken zusammenfahren, und der Mondsich vor Schrecken versteckt. Da braust die Locomotive heran. Der Zug hält.Legitimation!" tönt eS von den Lippen der SicherheitSwächtcr. Die Papiere sindsämmtlich in Ordnung. Aber seht da! welch' eine curiose Erscheinung! Ein stattlicherSchutzmann führt ein Mädchen in dürftiger Kleidung vor.Herr Wachtmeister, daSscheint mir eine Landstreicherin zu seyn. Bitte, sie scharf zu inquiriren." DasMädchen aber war gar lieblich und rührend zugleich anzuschauen. Sie hatte einfrisches rothes, wie in Liebe glühendes Gesicht, in dem ein Paar reine blaue Augenwie Troststerile strahlte; der Ausdruck des Gesichtes war bescheiden und demüthigund außerordentlich lieblich und mild. Am Arme hielt sie ein Körbchen, in dem sieallerlei Tausendsächelchen hatte, Brod und Butter, und Nadel und Zwirn, Nachtmützenund Pantoffeln, Medicin und Zucker u. s. w. In der einen Hand hatte sie einenPilgerstab, an dem sich oberhalb ein Kreuzchen befand, und in der andern Handhielt sie einen Rosenkranz . Die Kleidung aber war sehr dürftig. Ein leinenesRöckchen, gar einfach und dünn, aber reinlich und ordentlich, durch das der October-wind pfiff, bedeckte den zarten Körper; ein kleines Tuch verhüllte züchtig den Busen,und die Füße waren bloß.Wer bist Du?" fragte etwas rauh der gestrenge HerrWachtmeister und strich sich wohlgefällig den Bart.Ach, mein Herr," erwiderteetwas schüchtern das Kind,ich bin Ihnen doch wohl bekannt; komme ja nicht daSerste Mal nach Berlin !"Nun, Donnerwetter! Wenn ich jedes Mädchen kennensollte, daS einmal in Berlin war, da müßte ich ein verzweifeltes Gedächtniß haben!Heraus mit dem Namen!"Ach," fing die Angedonnerte an,ich heiße Barm-herzigkeit."Den Taufnamen!" herrschte der Constabler.ChristlicheBarmherzigkeit," war die Antwort.Woher?" wurde weiter gefragt.AuS demHimmel!" klang es so lieblich, als spräche ein Engel.WaS ist der Grund deSAufenthaltes in Berlin ?Arme und Kranke zu pflegen!"Den Paß!" gebolder Schutzmann. Da zog daS Mädchen ein Blatt hervor und reichte es hin- Jener