Ausgabe 
11 (9.11.1851) 45
Seite
354
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33!

laS:Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden!"Das ist ein eigener Paß!" murmelte der Herr,hab' ein solches Exemplar inunserm ganzen Bureau nicht gesehen!"Wo warst Du bis jetzt?" fuhr er fort.Ucberall, wo man mich brauchte!" hieß eS.Ich habe Dich aber hier in Berlin noch nicht gesehen. Hat man dich hier noch nicht gebraucht?"Ei, doch wohl!"erwiderte daS Mädchen,bin schon lange in Berlin gewesen und habe in den Spi-tälern, Waisenhäusern und Zufluchtsstätten aller Art gelebt. Mein Name ist amKönigshofe und bei der ärmsten Wittwe wohl bekannt, mich kennt ein jedes Kind,das feinen Katechismus weiß, und mich versteht jedes menschliche Wesen, das einHerz hat."Aber was ist Deine Beschäftigung?" Die Constablcr umstandenmit neugierigen Mienen daS arme Kind; denn auf diese Frage, glaubten sie, würdesie schwerlich eine Antwort geben können. Das Mägdlein aber hub also an:MeineBeschäftigung ist, Thränen trocknen, Kummer stillen, Arme speisen, Kranke pflegen,Waisen schützen, verwahrloste Kinder erziehen, Unglückliche besuchen, Gefangenetrösten, Sterbenden die Augen zudrücken und Todte begraben."Wo ist die Con-cession zu diesem Handwerksbetriebe? Und hast Du auch die nöthigen Prüfungenbestanden?"Die Concession, meine Herren, gab mir Gott, der Urquell allerLiebe, und Prüfungen sind unzählige über mich gekommen, Unverstand, Härte undBosheit haben mich schon oft scharf eraminirt, aber mein Haupteramen werde ich erstam Tage des Weltgerichts vor Dem bestehen, der Herzen und Nieren durchforscht."Herr Wachtmeister," begann ein Constablcr,sehen Sie nur, waö sie Alles indem Korbe hat; gewiß treibt sie verbotenen Handel."O nein, ich verkaufeNichts; dieses Brod trage ich den Hungrigen, diese Kleider den Nackten, diese Arzneiden Kranken zu, und dieß Alles werde ich verschenken."Aber woher hast Dudieß Alles?" fragte plötzlich der Wachtmeister,Du scheinst doch recht arm zu seyn:wie kommst Du zu all diesen Dingen?" Da sprach daS Mägdlein gar rührendund lieblich, daß es selbst die Constabler-Herzen süß durchzuckte:Wohl bin ich rechtarm, aber doch reich; die christliche Barmherzigkeit ist eine Bettlerin bei den Hohenund Reichen und Mächtigen und Glücklichen, und geht von HauS zu Haus undklopft an jedes Herz, um Almosen flehend; aber den Niedrigen uno Armen undDürftigen nud Geprüften schüttet sie unermeßliche Schätze in den Schovß. Was Ihrhier sehet! schenket niir die Liebe der Menschen, Gott spricht seinen Segen darüber,und da wird mein Körbchen nicht leer; denn die christliche Barmherzigkeit erschöpftsich nicht!"Zu waS aber hast Du diesen Pilgerstab mit dem Kreuze und diesePerlenschnur iu der Haud? Das scheinen mir verdächtige Jesuiten -Dinger, welche amEnde gemißbraucht werden könnten!"O fürchtet nicht, mein lieber Herr; derPilgerstab soll Alle, die meiner bedürfen, erinnern, daß sie fremd sind auf der Erde,nur einige Zeit hier unten sich aufhalten, daß alle Trübsal vergeht und ein Jederein Pilger zum Himmel ist; daö Kreuz aber ist daS Zeichen der Erlösung, daöBild unseres Glaubens, ich würde eine nurmenschliche Barmherzigkeit" heißen,wenn ich nicht in dem Glauben au daö Kreuz meine eigentliche Weihe erhalten hätte;dieses Kreuz halte ich den Betrübten, den Armen, Kranken uud Sterbenden hin,und daS gibt ihnen Trost uud Friede. Diese Perlenschnur aber ist ein Rosenkranz,daS Zeichen des christlicheil Gebetcö in Wort und That. Das Gebet hat gar köst-liche Eigenschaften; dieser Rosenkranz, der mir nur Anleitung zum Gebete und u»rein Bild der wahren Andacht ist, trägt mich auf heiligen Schwingen von Land zuLand, hält mich immer wach uud warm mitten in der Kälte auf dem St. Gotthardt,wo ich verunglückte Wanderer aus vem Schnee suche. Ohue diesen Rosenkranz würdeich nicht lange leben, sondern bald verkommen; denn was für die Blnmen der Thau,das ist für die christliche Barmherzigkeit daS Gebet. Mit diesem Rosenkränze fesseleich die Herzen der Unglücklichen und kette die Verlorenen und Verirrten wieder anihren und meinen Gott und mache Alle zu meinen Brüdern und Schwestern in ChristoJesu."Hast Du Bekannte oder Verwandte in Berlin ?" wurde weiter geforscht.O ja. Gott sev Dank!" erwiderte gar glücklich daö Mägdlein,ich habe hier noch