355
viel« Brlaimle uuv Verwandte; eS wird vielleicht kein HuuS ni der Stuvt geben,wo man die christliche Barmherzigkeit als Freundin und Verwandte nicht gern andvS Herz drückte; aber in der Kaiscrstraße Nr. 2V. wohne» mir I>ebc Schwesln»,die ich vor fünf Jahren Hieher geführt und unter Hospitalitc» nnd Waisen undKranke gesetzt habe. Diese will ich heut besuchen und zu einem großen Feste begleiicu, welches die Liebe auf der großen Hamburger Straße 10, nebni der Juden-Synagoge und am Fuße der Sophienkirche feiert. Haltet mich nicht länger aufmeine Herren, ich habe noch viel zu thun." — „Sage mir zuvor," entgegnete derWachtmeister, „welchem Feste wollt ihr dort beiwohnen? ES ist doch nicht unerlaubt,sondern polizeilich genehmigt?" — „Ei, daö ist die Feier der Grundsteinlegung zueinem neue», großen Hause mit Kirche, das eine Herberge für Arme und Kranke,für Leidende aller Art werden soll. Urtheilt selbst, ob eS dabei etwaö Unerlaubtesgibt; und überdieß wird Euer Chef, der Herr Polizeipräsident, der Feier auch bei-wohnen, denn er hat ein fühlendes Herz, und Ihr Alle, so rauh Ihr mitunter ans-jeht, werdet Euch über daö Fest freuen. Das zu bauende Haus wird Euch gailieb seyn; es erleichtert Eure Arbeit und hilft Euch die Stadt behüte» ; den» dttchristliche Barmherzigkeit ist die beste Polizei." Da ließen die Constabler das Magd-lein in Frieden ziehen nnd blickten ihr mit rechter Ehrfurcht und Liebe nach. „SolcheLandstreicher," meinte der Herr Wachtmeister, „ließ ich wohl zn allen Thore» miiFreude herein!"
Unterdessen eilte daS Mägdlein durch die noch dunklen Straßen, blieb unter-wegs bei manchem Armen und Unglücklichen stehen und spendete ihnen, was siebesaß. So kommt sie Kaiscrstraße 29 an. Sie zieht die Glocke; — ma» offnerVo» der Pfört»eri» gekannt und sreuudlich begrüßt, sucht sie die Schwester» auf; siefindet die Eine i» der Apotheke, die Andere in der Küche, eine Dritte bei den kran-ken Männer», eine Vierte bei den Frauen, eine Fünfte bei den Armen, eine Sechstein der Capelle, — Alle aber waren im Dienste der Bedürftigen schon seit dem frühe-sten Morgen beschäftigt nnd waren still und freudig an der Hand Gottes durch ihn»Garten geeilt, welcher aus Krankenbetten und ans Armenblüthen gebildet ist, unddurch welchen die Seufzer der Leidenden zittern. „Gott grüß' Ench, Ihr Schwestern!"spricht daS Mägdlein, „ich bringe Euch teu Segen GottcS zum Lohne für Euertreues Dienen im Weinberge des Herrn. Aber ich verkündige Euch auch eine großeFreude, denn heute wird zu einem neuen, viel großer» Krankenhause der Grundsteinfeierlich gelegt und von den Priestern gesegnet werde». Gott wird Euch ein HauSbauen, wo Ihr mehr wirken und zahlreichere Thränen trockne» könnt; die Liebe trägidie Kosten, schon hat sie über Thaler zusammengebracht. Drei von Euch
werde« der Feier beiwohnen, damit Ihr an dem Gnadenorte selbst schon jeht demVater der Barmherzigkeit Dank saget, — denn der Herr ist gütig und seine Gnadegeht über den Himmel.'' — Da freuten sich die Schwestern und frohlockten, daß dc,Herr auf die Niedrigkeit seiner Mägde herabgesehen und ihnen Gelegenheit verschafft,mit noch größerer Aufopferung den Kranken aller Geschlechter, aller Nationen undaller Eonsessionen zu dienen.
Jetzt brach der Tag an und unter dem Gesänge der Engel: „Selig sind dieBarmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden!" erwachten die Bewohnerder Stadt. Alsbald begann ein freudiges Regen allenthalben. In der St. Hedwigs-kirche wurde daS größte Wunder göttlicher Barmherzigkeit, das Wunder der Herab-kunft und Selbstaufopferung Christi, unter Brod- und Wcingcstalt in der heilige»Messe gefeiert, der Segen Gottes zu dem bevorstehenden Feste erfleht und Alles zurwürdigen Begehung desselben vorbereitet. Zu der Hamburger Straße hin aber ström -len Hunderte zu Fuß uud zu Wagen. Aus der Baustelle war Alles festlich geschmückt.Mitten erhob sich daS arme und einfache Kreuz als daö rührendste Bild christlicherBarmherzigkeit, selbst arm und bloß und doch unermeßlichen Reichthum spendend unddie Bloßen Aller bedeckend, die zu ihm emporblicken. Zu den Füßen des KrcuzeSfaß uilsichtbar unser Mägdlein von dem Morgen herz ringsum hatte sie in GcstaU