Ausgabe 
11 (9.11.1851) 45
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von Georgillrnblüthen ihren Rosenkranz ausgebreitet und schaute gar selig auf dieUmgebung, denn bei sieben Fuß hoch war der Neubau ringsumher bereits empor-gestiegen. Zu beiden Seiten in einem Halbkreise standen Freunde der Barmherzigkeitmit frohen Herzen, welche unter dem Fürstenkleide, unter der Uniform, unter demPolizeigewande, unter Beamtenröcken, unter Arbeiterschürzen und unter allerlei Hüllengleich warm schlugen. Mitten unter ihnen standen die drei barmherzigen Schwesternmit Kreuz und Rosenkranz , in der schwarzen Farbe deS Ernstes und der weißen derEinfalt und Unschuld. Rings herum auf Gerüsten, in Fenstern und bis auf denDächern hinauf stand allerlei Volk, Greise und Kinder, Männer und Frauen, Sol-daten und Arbeiter, Arme und Reiche, Hohe und Niedrige, Eonstabler und Werk-leute; denn Alle wollten daS Fest der christlichen Barmherzigkeit schauen und mitDank gegen Gott mitfeiern.

Um neun Uhr nahetcn in langem Zuge, daS Kreuz an der Spitze, die Priesterder Barmherzigkeit in heiligen Gewänden, durchschritten die Baustälte und stellten sichoberhalb deS Kreuzes auf. Lieblich erklang zum Preise Gottcö eine Hymne durch dieLuft in frommen und weichen Tonen, welche in allen Herzen wiederhallten. Darausnahm der Erste unter den Priestern deS allbarmherzigcn GotteS das Wort und sprach:Einen Weiheact christlicher Liebe und Barmherzigkeit zu seiern, sind wir, meineAndächtigen, in dieser festlichen Stunde versammelt. Denn wem gelten all' die bau-lichen Zurüstunge» um u«S her? Wem gilt daS aufgepflanzte Zeichen deS Heils?Wem Eure Theilnahme und die Thräne der Freude und deS Dankes in Eurem Auge?Keinem geringern Zwecke, als den Grundstein zu einem neuen Denkmale christlicherBarmherzigkeit zu legen und dafür den Segen dessen zu erflehen, der gesagt hat:Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit finden." Und nunfolgte in gar anmuthigen Worten, wie klein und gering das Werk der Barmherzig-keit vor fünf Jahren begonnen habe, wie aber unter dem Segen GoltcS undunter der Obhut derguten Schwestern der Barmherzigkeit" gediehen, und die Zahlder Kranken von drei binnen Jahresfrist auf fünfzig gestiegen sey.Gott ist cS alleinbekannt, wie viel Schmerzen deS LeibcS und der Seele seitdem geheilt, wie vielKummerthränen seitdem von der nie ermüdenden Liebe dieser Töchter deS heiligenCaroluS BorromäuS in Eucrm Krankenhause getrocknet worden sind. Mehr als zweitausend Kranke haben seit dem Ende deS JahrcS 1846 bis auf den heutigen Tag indieser Herberge deS Elendes freundliche Aufnahme gesunden, Kinder und Greise,Männer und Frauen, Juden, Protestanten und Katholiken, nnr ein Kummer hatdabei die Freude unserer guten Schwestern getrübt, daß sie nicht allen Anklopfen-den die Pforten ihres Hauses öffnen, daß sie wegen Ungunst der räumlichen Verhält-nisse gerade denen, die ihres Mitleides am würdigsten erschienen, den mit ansteckendenKrankheiten Behafteten, kein Ruhebettlein in ihrem Hause bereiten dursten." Alleindie christliche Barmherzigkeit ist wie eine Lavine, sie sängt gering an und wächst zuimmer ungeheuerer Größe. DaS bewies sie auch in Betreff ihres hiesigen Werkes zuGunsten der Kranken. Denn:Ein neuer Hilferuf ward durch die Vertreter Eurerheiligen Sache an alle mitleidigen Herzen gerichtet, Euer frommeö Gebet hat ihnvor Gottes Thron unterstützt, und daß er nicht erfolglos geblieben, daß er Hilfegebracht von dem Scherslein der Wittwe, die ihr Brod mit Kummerthränen netzt,bis zum Gnadengeschenke deS Königs, mehr Hilfe, als wir in so kurzer Zeit erwar-ten durften, davon gibt Zeugniß der heuiige Tag und seine festliche Feier. Ja,hört eS, meine Andächtigen und sagt Allen, die an der ungeschwächten Frucht-barkeit und Zaubergewalt der christlichen Liebe zweifeln, sagt eS ihnen in demüthigerFreude:Dem Bau eines katholischen Krankenhauses iu Berlin sind binnen Jahres-frist so viele Opfer, so viele zweifellose Zusicherungen christlicher Barmherzigkeit zuge-wendet worden, daß die Hälfte der auf mehr als hunderttausend Thaler veranschlageten Bausumme gesichert ist." Aber wie werden eS die barmherzigen Schwester»Jahr aus Jahr ein aushalten, immerfort, bei Tag und Nacht die Kranken zupflegen? O, die Barmherzigkeit weiß Rath; denn sie gewährt denen auch Barmher-