Ausgabe 
11 (9.11.1851) 45
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zigkeit, welche Barmherzigkeit üben; sie läßt diesein den Armen deS Gcbeteö geistigeErfrischungen" finden und läßt sie ausruhen an dem süßen Herzen des Heilandes,damit der Muth nicht sinke und die Liebe nimmer erkalte im harten Dienste desElendes. Sebet, meine Andächtigen, darum darf Eurem Kraittcnhause eine geweihteStätte der Anbetung nicht fehlen. An die Kirche werden die weiten Flügel desneuen Hauses sich anlehnen, denn nur im lebendigen Glauben an Ihn wird jenerGeist der Liebe geboren, der in einem heiligen Carolus BvrromäuS, einem heiligenMncenz von Paul, einer heiligen Elisabeth und Hedwig so Großes gethan, jenerGeist der Selbstentäußerung, der nichts Anderes sucht, als Gott zu gefallen und dieBrüder zu segnen. In diesem entstehenden GotteSkämmerlein, dem ich heut das ersteSegenSwort spreche, werden Eure barmherzigen Schwestern das Brod der Seele fin-den und im heiligen Opfer und in frommer Betrachtung täglich mehr erstarken fürdie Pflichten ihres heiligen Berufes. Hier werden aber auch viele Eurer Krankenden Weg zu ihrem Gotte wiederfinden, werden sich mit ihm und seinen Fügungenversöhnen, werden über der Linderung der Seelenschmerzen die Leiden deS Körpersvergessen und eS wieder glauben, daß der den Stachel dcö Todes nicht fürchten darf,welcher den Tod des Gerechten zu sterben gelernt hat. O, freuet Euch, meine Ge-liebten, freuet Euch heute schon dieses reichen Trostes! Denn nur, wo mit der leib-lichen Erquickung zugleich daS Brod deS Geistes gereicht wird; nur dort, wo die Tageder äußern Prüfung zu innern Verklärungen, und die Kämpfe angstvoller Stundenzu Siege» für die Ewigkeit führen: nur dort und dort allein ist der armeKranke wahrhaft verrflegt und wird, ob lebend oder sterbend, dennoch genesen für immer."

So sprach der Redner. Die Freude aber über das Werk der christlichen Barm-herzigkeit stieg in jedes Herz und strahlte aus den Augen wieder licht heraus, undda kam eS wohl auch vor, daß die ausströmende Freude als köstliche Thautropfcnder Rührung an manchen Augenwimpern hängen blieb. Jetzt folgte unter gar lieb-lichen Gebeten der Priester die Weihe deS Grundsteines. Einer aber, welcher außervielen gelehrten Dingen auch Barmherzigkeit gelernt hat und neben andern Ordenauch den der Barmherzigkeit an dem Bande der Demuth trug, trat vor und las mitvernehmlicher Stimme und würdiger Betonung daS Testament christlicher Barmherzig-keit vor, welches in Urkundengestalt eingemauert wurde. Von dem ganzen Gebäudeaber nahm dann der Herr durch seine Priester feierlichen Besitz, indem alle Funda-mente mit dem Paniere der Barmherzigkeit umwandelt und mit dem heiligen Wasserbesprengt wurden. So groß aber war die Freude Aller an dem schönen Denkmaleder Liebe, daß sie ihr Ausdruck in Tönen geben mußten. Und so erklang denn inmajestätischer Fülle daS Te Deum laudamuS als Dank- und Freudenhymne zu Gott empor.

Sinnend ruhte unsichtbar daS Mägdlein, die christliche Barmherzigkeit, nochimmer am Fuße deS Kreuzes und betete gar inniglich für Alle, und ich sah, wiedie Früchte ihres GcbeteS auf Viele vom Himmel thauten; denn diese senkten beidem Hinausgehen von der Baustelle Almosen still in die Büchsen, welche barmherzigeMänner um der Barmherzigkeit Christi willen bettelnd den Vorübergehenden hinhiel-ten. Endlich erhob sich auch das Mägdlein, segnete Alle, ergriff sein Körbchen,seinen Rosenkram und seinen Pilgerstab mit dem Kreuze und wanderte fürbaß. DenneS muß nun wiederum in die Lande hinaus, um weitere Almosen betteln zu gehen,damit in zwei Jahren der schöne Berliner KrankenhauSbau vollendet werden kann.Wir ersuchen nun alle hohen Civil- und Militärbehörden, daS dürftig aussehendeMägdlein,christliche Barmherzigkeit" genannt, ungehindert seine Rundreise machenzu lassen. Sie hat mit der Politik Nichts zu schaffen; sie ist nicht unbescheiden undtrotzig, sondern sie fleht und bittet nur. Ihr Alle aber, zu denen daS Mägdlein imschlichten Kleide kommen wird, nehmt es nur freundlich auf und reicht ihm einAlmosen um Christi willen, und wird eS euch schwer, in den Beutel zu greisen, daleset nur den Paß:Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeitfinden!" (Berl.Kirchl. Anzeiger.")