Ausgabe 
11 (16.11.1851) 46
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daS Zeitliche, in der Ausbildung der Talente und in der Anstheilung der Verrich-tungen und Aemter. Gebet und Geschäft, Arbeit und Ruhe, Belohnungen undStrafen, daS Gewähren oder Abschlagen eines Begehrens, mit einem Worte: AllesDenken, Wünschen, Handeln hat nur Ein Ziel, Einen Grund, Einen Wahlsprnch,nnd dieser ist: Alles zur größeren Ehre Gottes! In diesem Fundamente liegt dieSumme aller christlichen Vollkommenheit, und wer diesen Grundsatz an die Spitzeseiner Handlungen stellt und von ihm geleitet wird, der wandelt vor Gott und strebtnach der Vollkommenheit, die der Heiland vorschreibt mit den Worten: Seyd voll-kommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. (Matth . 5, 48.) Der ist einwahrer Nachfolger des Heilandes, der von sich sagte: Ich suche nicht meine Ehre(Joh . 8, 50). Meine Speise ist, daß ich den Willen desjenigen thue, der michgesandt hat, damit ich sein Werk vollbringe. Welche Meinung man auch in unsernTagen, wo die möglich höchste intellektuelle Ausbildung und die möglich größte He-bung der Industrie die Leiter der Jugendbildung an vielen Lehranstalten gewordensind, von einem solchen Fundamente, von einem solchen unausgesetzten Gesichtspunktehaben mag: so ist doch nicht zu läugnen, daß in diesem Grundplan der Erziehungdes heiligen Jgnatius und seiner Nachfolger, der Jesuiten , etwas Großes liegt, unddaß er nothwendig von Tugend zu Tugend, und so zu einem Wandel vor Gott führen muß. Menschen, die bei all ihrem Thun und Lassen einen solchen Zweck vorAugen haben, kann keine Tugend sremd bleiben, und jede führt zu einer größerenVerherrlichung Gottes, und somit zur größeren Vollkommenheit der Seele. DieSorge für die Erziehung und den Unterricht der Jugend war einer der hervorsprin-genden Charakterzüge deS vom heiligen JgnatiuS gestifteten Instituts. Nur zu sehrwar der Stifter überzeugt, daß eine verwahrloste, nicht auf Vervollkommnung deSgeistigen Menschen gegründete Erziehung die erste und beinahe einzige Quelle allerVerirrungen, aller Laster ist. Der Verstand deS Menschen ist durch die Sünde ver-dunkelt; der Wille ist schwach und ungeneigt zum Guten, und geneigt zum Bösen;die böse Lust hat einige Herrschaft über den Menschen. So lehren eS Erfahrung undOffenbarung. DaS Verhältniß, wie eS war zwischen Gott und dem Menschen, istdurch die Sünde gestört, nnd wenn auch durch die heilige Taufe der Mensch auSeinem Kinde deS Zornes Gottes ein Kind der Gnade, daS durch Jesum Christumein Recht auf die Erbschaft des Himmels hat, geworden ist, so bleiben doch nach derLehre unserer heiligen Kirche die genannten Folgen der Erbsünde in dem Neugelauftenznr Erinnerung an die Größe der Sünde, zur Demüthigung und zum Kampfe widerdie böse Lust. Mit Christi Gnade den Menschen aus diesem elenden Zustande heraus-zuziehen, uud daS Verhältniß, wie eS war zwischen Gott und dem Menschen vor derSünde, wieder herzustellen und so den Menschen Gott wieder zuzuführen, daS ist dieAufgabe der katholischen Erziehung. ES entging nun dem heiligen Jgnatins nicht,daß alle Arbeiten seines Ordens nur einen schnell vorübergehenden Nutzen bringenwürden, wenn er nicht durch eine zweckmäßige, der Bestimmung deS Menschen ange-messene Erziehung dafür sorgte, daß die Früchte jener Arbeiten gleich einem unver-äußerlichen Erbe von e ner Generation zur andern und von Geschlechtern zu Geschlech-tern übertragen würden. In dem Orden selbst stets gute Lehrer uud geschickteErzieher zu haben war ein Hauptgegenstand seiner Aufmerksamkeit. Durch die geist-lichen Uebungen, welchen er die jungen Jesuiten in dem Noviciat unterwarf, suchteer ihnen jenen religiösen Charakter und jene Festigkeit in der Tugend zu geben, ohnewelche sich durchaus von keinem Erziehungssustem etwas Gedeihliches erwarten läßt.So lernten sie üben, waS sie später lehren wollten, so lernten sie, ein lebendigesWort zu werden, das da wirksamer ist als der todte Buchstabe, als der verhallendeTon. Hier in dem Noviciat gewannen sie einen Geschmack an der Abgeschiedenheitund an einem einsamen Leben; hier erhielten sie jenen Geist der Ordnung und jeneLiebe zur Arbeit, welche nichts so sehr fliehen als Müßiggang und gedankenlose Zer-streuung; hier lernten sie, über sich selbst nachdenken, gutem Rathe und heilsamenErmahnungen folgen, die wahre von der falschen Ehre unterscheiden, sich selbst achten