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und die Tugend über Alles schätzen; kurz hier erhielten sie die Bildung, welche noth-wendig einem, den Wissenschaften geweihten Leben vorangehen muß. In den fünf ausdas Noviciat folgenden nnd bloß dem Studircn gewidmeten Jahren war ihr Studien-plan vorzüglich darauf berechnet, daß sie sich zu guten Lehrern bilden uud nachherunter der Leitung eines dem Schulwesen vorgesetzten PräfcctS selbst einer Schule vor-stehen konnten. UeberauS wichtig war dem heiligen JgnatiuS also die Bildung derLehrer selbst. Und in der That, hängt nicht die für Zeit und Ewigkeit beglückendeJugcndbildung von der zweckmäßigen Bildung der Lehrer ab? Sollte man in allenStaaten nicht darauf die meiste Rücksicht nehmen uud die größte Aufmerksamkeit ver-wenden? Die Schullehrerscminarien sind die Pflanzstätten der Erziehung und desUnterrichts der Jugend. Was da auf den Verstand und daS Herz der angehendenLehrer gesäel wird, das bringt Frucht, und diese Frucht wird später wieder Aussaatauf die jungen Seelen der Zöglinge. Wenn in den BildungSanstalten für LehrerausS Fleisch gesäet wird, so wird man auch vom Fleische ernten, und vom Fleischewieder aussäen, und waö? — das Verderben.
Die Grundsätze, welche ans dem oben erwähnten Grundplane hervorgingenund worauf daS Erzichnngssystcm der Jesuiten beruhte, die Vorschriften, welche derStifter des Ordens ihnen hinterließ, haben alle den Charakter einer tiefen Weisheil.Dieselben alle hier zu entwickeln ist unmöglich; das Wenige aber, waS wir davonsagen werden, wird vollkommen beweisen, daß dasselbe Alles umfaßte, nichts indemselben vergessen war. Die Entwickelung der intellectuellen Anlagen war nicht dasEinzige, waö JgnatiuS beabsichtigte. Es wäre das ja auch eine einseitige Bildung,wenn man nur den Verstand des zu bildenden Kindcö im Auge hätte, und seinenWillen und sein Herz unberücksichtigt ließe. Es soll der ganze Mensch mit allenseinen Kräften und Fähigkeiten gebildet werden; aber wo man auf Kosten teö einenVermögens, etwa des Willcnvcrmögcns ein anderes Vermögen des Menschen, etwadas Äerstandesvermögcn in der Ausbildung bevorzugte, da würd.e die Bildung nichtharmonisch, milhin fehlerhast, schädlich seyn. Die Vervollkommnung der moralischenKräfte schien dem heiligen JgnatiuS eben so wichtig als die der Vcrstandeökräfte,und jene hat »ach dem Ausspruche des Heilandes: Nur Eins ist nöthig! in gewissemBetrachte den Vorzug. Sein Streben ging also vorzüglich dahin, daS Herz derKnaben und Jünglinge für die Tugend empfänglich zn machen, ihr Gewissen wach-sam zu erhalten, ihr sittliches Gefühl zu schärfen uud sie an die größte Reinheit derSitten zu gewöhnen. Des Knaben erste Tugend ist Gehorsam. Um, heißt es inden Statuten, junge aufbrauseude Köpfe in den Schranken der Disciplin und Ord-nung zu erhalte», sind Belohnungen und Furcht vor der Schande weit wirksamereMittel als körperliche Züchtigungen, und wenn dennoch zu diesen geschritten werdenmuß, so darf cS ja nicht mit einer Uebcrcilnng geschehen, welche der Gerechtigkeiteinen Schein von Gewaltthätigkeit gibt. Sanfte Mittel müsse» stets zuerst versuchtwerden, ehe Züchtigung eintritt. Belehrungen, Ermahnungen, gelinde Vorwürfe,aber uicht Schmähwortc, nicht Beschimpfungen sind die Mittel, welchen die nochnicht verdorbene Jugend selten widersteht, — Nichts benimmt so schnell daö Ansehenund setzt den Eifer selbst des trefflichsten LehrerS in ein so zweideutiges Licht, als derSchein irgend einer parteiischen Begünstigung. Seine Pflicht ist eS also, ein gleichwarmes Interesse an den Fortschritten eines jeden seiner Schüler zu nehmen, denEiser keines seiner Schüler durch Gleichgültigkeit zu schwächen, daS Selbstgefühl keinesderselben durch Geringschätzung zu verletzen. — Durch strenge Zucht kann man dieJugend zu äußerlicher Unterwerfung zwingen; aber nur durch Religion uud Tugendkann man bewirken, daß dieselbe sich auch gerne und willig unterwirst. Die größteAufmerksamkeit der Jesuiten war also stets dahin gerichtet, so frühzeitig als möglichdiesen jungen, noch empfängliche» und weichen Gemüthern die beseligenden Lehrender Religion so tief als möglich einzuprägen; diesem wichtigsten aller Zwecke warAlles untergeorvnei. Der ganze Unterricht war mit religiösen Ansichten dnrchflochten;bei dem Vortrag aller wissenschaftlichen Gegenstände wurden, wo immer die Gelegen-