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die mit Festigkeit sagt: „„So entscheidet die Kirche"", und mit Konsequenz bei ihrerEntscheidung bleibt? — Nicht besser steht eS bei uns mit den theologischen Ansichten;es ist da auch eine bedenkliche Mischung von allerlei Gegensätzen. Wir haben alt-lutherische, vrthodore, pietistischc, supranaturalistischc und rationalistische Predigernebst allen Uebergangsstufen und Schattirungen dieser Farben. Auf einer und der-selben Kanzel wird Christus „„der eroige Sohn des ewigen GotteS"" und „„derweiseste alier Menschen"" genannt. Die Gemeinden hören zum Theil des Vormittags,daß der Mensch nur durch die Versöhnung, welche Christus am Kreuz vollbracht hat,Gnade bei Gott findet, und des Nachmittags, daß die eigene Tugend unS denHimmel erwirbt. Der eine Prediger sagt seinen Confinnanden, die Geboterklärungsey die Hauptsache, der andere in derselben Gemeinte behauptet, die Lehre vom christ-lichen Glauben und den Sacramcntcn stehe obenan, daS Uebrige erst in der zweitenStelle. In ähnlicher Weise tritt bei aller Lehre das Eigenthümliche jeder Richtunghervor, und was ist nun von allen diesen Verschiedenheiten, die doch eben principielleGegensätze bilden, für die Gemeinden zu halten? Ist es möglich, daß sie alle mileinander richtig seyn können, da es doch offenbare Gegensätze sind? Und wenn dieWahrheit doch eben nur Eine seyn kann und jeden Gegensatz als falsch ausschließt,welcher Lehre soll man glauben und auf welche seine Hoffnung zur Seligkeit gründen?Da gibt unS die lutherische Kirche keinen festen Halt und keine sichere Entscheidung;vielmehr lässet sie ihr Amt in all' diesen verschiedenen Richtungen vorwalten, unvduldet eS, daß die Gemüther durch die Gegensätze verwirrt werden. — Und eben sobuntscheckig als die theologischen Richtungen der lutherischen Geistlichkeit ist bei unSauch Alles, was zum CultuS gehört. Nirgends findet eine völlige Uebereinstimmungstatt, sondern wie die Amtstrachten der Geistlichen variiren die Einzelnheiten in fastallen Gemeinden. Gesangbücher, Melodien, Predigtterte, Ordnung des Gottesdien-stes, Altarliturgie, Taufformular, Confirmation, Beichte, AbendmahlsauStheilung,Kopulation, Leichenbestattung — kein Ort hat in allen diesen Stücken völlig einerleiPrariS mit dem andern; und ost, wenn man in einer Entfernung von 4—6 Meilendie Kirche besucht oder bei einer kirchlichen Handlung gegenwärtig ist, weiß mankaum noch, ob man in einer Kirche, in einer Gemeinde desselben Bekenntnisses sichbefindet, so ganz verschieden und deßhalb fremd kommt Einem Alles vor. WaS istdas nun für eine Kirche, die es nicht einmal in solchen Dingen zu einer Einheithat bringen können? Ist eS möglich, daß unter solchen Verhältnissen ein Geist derEinigkeit durch die Herzen gehen, daß man sich stark in der Gemeinschaft fühlenkann, wo ein so bunter Kram ist? Muß man nicht durch dieß Alles vielmehr gelang-weilt, erkältet und zuletzt zurückgestoßen werden? — All' diese Verschiedenheit haraber darin ihren lraurigen Grund, daß es unserer Kirche an der festen AuctoritätciueS starken Regiments fehlt. Die Prediger stehen einzeln in ihren Gemeinden selbst«ständig da, thun und lassen, was sie wollen; das Kirchenregiment kümmert sich umsie nicht, so lange sie ihre Arbeiten einliefern und keine Klage kommt. Die Visita-tionen sind stellenweise ganz abgekommen; Pastor und Küster, oft auch Küster undPastor verwalten den Dienst an der Gemeinde Iah? auS Jahr ein im alten bequemenSchlendrian mit zunehmender Nachläßigkeit zum offenbaren Verfall. Ob der Gottesdienstgehalten, ob gut gepredigt, ob die Seelsorge fleißig getrieben, der Confirmaiiden-Unterricht nebst den Katechisationen gut und ausreichend beschafft, und alles Uebrige,waS sonst noch zum Amt und zum Gedeihen der Gemeinde gehört, zweckmäßig, fleißigunv piincllich vollführt win>, occr ob von alle Dem vielleicht gerade daS Gegentheilvorhanden ist — wer kümmert sich darum? Die Prediger berichten, das ist wahr,aber jeder berichtet über sich und seine Gemeinde, und nach den meisten Berichtenkommt Nichts. Denn daS Kirchenregimcnt liegt in den Händen von Personen, welchetheils von all' diesen Dingen wenig wissen, theils mit Geschäften so überhäuft sind,daß sie Gott danken, wenn nur Alles einigermaßen erträglich im alten Geleise ein-hcrkriccht. Und haben wir einmal Männer im Regiment, denen ein Herz für dieKirche und ein Auge und Ohr für ihre Schäden und Bitten geschenkt ist, dann sind