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ihnen überall durch die Verhältnisse die Hände gebunden, daß sie weder Machtnoch Mittel besitzen, zu ordnen, zu helfen, zu gebieten und zu strafe«. Ach, eS istein Unglück, daß die lutherische Kirche dem Staat ihre Güter und Rechte zur Mit-gift ihres Bündnisses überliefert hat! Sie ist gekommen als eine herrliche, mächtigeund reiche Braut; nun, da ihre Güter genommen und verbraucht find, ist vergessen,waS man ihr nach Recht und Pflicht schuldigt! Man hat für die arme, zum DienstdeS Staates erniedrigte Magd jetzt nichts mehr übrig als den Abfall von deS HerrnTisch, und die Größe und Herrlichkeit früherer Zeit ist in den Staub getreten! —So ist der ganze innerliche Zustand der lutherischen Kirche Uneinigkeit, Schwäche,Ohnmacht. Und waS kann denn aus solchen Zuständen nach Außen hin Guteskommen? Sehen wir unS um wie eS steht. Schulen mit glaubenslosen oderunwissenden Lehrern, die kaum daS tägliche Brod haben an vielen Orten; alte,gebrechliche Prediger bis zum letzten Athemzug mit dem Amt belastet, oder hilflos,menn sie auS Liebe zur Gemeinde eS niederlegen wollen; ungläubige oder sittenlose,träge und gleichgiltige Pastoren ohne Kläger und Richter; etliche Pfarren so arm-selig dotirt, daß sie kaum vor dem Verhungern schützen; Kirchen hie und da, dieneben den Prachtstäken für edleS Vieh ob ihrer Armseligkeit und Unreinlichkcit sichschämen müssen; eine Menge von Gemeinden, die allen Glauben und alle Kirchlich-keil verloren haben; keine Spur mehr von SonntagSscicr und SonntagSordnung;keine Heiligkeil der Ehe, keine christliche Kindererziehung, kein kirchliches Leben inden Häusern; vollends keine Kirchenzucht, weil Niemand Lust hat, der Zucht seinenNacken zu beugen und ihr seinen Arm zu leihen: — so stebt die lutherische Kirchedort, wo die Landeskirche ist, da als ein ursprünglich edler Stamm, aber seinerKrone, seiner Zweige und Blätter beraubt, hohl von der Fäulniß, von Würmernzerfressen, niederbrechend beim ersten Sturm, der mit entfesselter Wuth darüber hin-brauset! Und da sollten wir bleiben, an diese» Stamm uns halten wollen, bis erumfällt und unS mit seinen Trümmern zerschmettert? Wir können ihm kein neuesLeben geben, und unser Herz kann keine Ruhe, unser Sehnen keine Befriedigungmehr finden, wo wir jetzt sind. Wir wollen unser Christenthum retten,wir wollen dorthin gehen, wo vic Kirche sagt, waS die Schriftbedeutet, wo die Kirche vorschreibt, was ihre Diener lehren undihre Gemeinden lernen solle», wo über vic gleichmäßige OrdnungdeS Cultus gewacht wird, und Alles so feierlich, erhaben underquicklich, eine Harmonie der Anbetung ist; wo ein starkes geistlichesHaupt sich nicht beugt vor den Gewaltigen der Erde, sondern alleinvor Gott ; wo die Gemeinden noch Glauben, Zucht u. kirchliches Lebenhaben, wo wirklich die Kirche ans einem Felsen steht, den die Pfor-ten der Hölle nicht bewältigen können. Wir scheiden ungern vomHause der Väter, aber wir müssen scheiden — wohlauf, gen Rom !"
Friedrichs »I. Urtheil über die Klöster.
Derselbe schrieb am 2l. März 17V7 an Voltaire : „Ich habe, und Andere mitmir, bemerkt, caß diejenigen Gegenden, in denen die meisten Klöster sich befinden,auch diejenigen sind, in denen daS Volk am blindesten dt - .'Iberglauben (in demMunde dieser Herren: der christlichen Religion) anhängt. Es ist nicht zu bezweifeln,daß, wenn man es dahin bringt, diese Zufluchtsörtcr des Fanatismus (d. h. deSchristlichen Glaubens) zu zerstören, raS Volk ein wenig gleichgiltig und lau gegen ebendiejenigen Gegenstände werden wird, welche gegenwärtig seine ganze Verehrung haben.Es käme also darauf an, die Klöster zu zerstören, oder wenigstens den Anfang damitzu machen, damit man ihre Anzahl verringerte." Wo man diesen Rath (der woblconsilium ex inimi, » hätte dürfen genannt werden) treulich zu befolgen beflissen warund die angerühmte Wirkung bald verspüren mochte, ist allbekannt.
VercmtMortllcher Rkd«n-tk»r: ?, Schönchtn.
Bkrlags-Jnhav'r: F, «. Aremer.