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Christus, sind als Erben GotteS gleich geheiligt durch den heiligen Geist. Wohlandenn! wie ich Euch Alle zugleich mit gleicher Liebe umfange, so liebet auch Ihr Euchbrüderlich unter einander als Kinder des Einen VaterS im Himmel, als theuererkaufte Kinder der Einen Mutter auf Erden, nämlich der heiligen Kirche. Setzetnicht die eine Nationalität über die andere. „Thuet nichts aus Streitsucht," oderwie der heilige Augustin eö wieder gibt, „thuet nichts durch Aufreizung," denn alsowürdet Ihr nur den üblen Geist des ZwisteS und des Zwiespalts» selbst anfachen.Thuet auch nichts „aus eitler Ehre," nämlich nichts, wodurch Ihr zu erkennen gebenwolltet, eS sey das eine Volk edler und besser als das andere. Rechtet und hadertalso nicht wegen der Nationalität, wodurch das Band gegenseitiger Bruderliebe soleicht gelockert, ja selbst zerrissen wird. Vergesset nicht, daß gleich bei der Herab-kunft des heiligen Geistes durch diesen Geist, welcher die Völker verschiedener Zungenzur Einheit deS Glaubens versammelt hat, sämmtliche Nationalitäten auf gleicheWeise und in gleichem Grade geheiligt worden sind. Liebet Euer Volk! Es liebe derDeutsche seine Zunge, eS liebe seine Zunge der Czeche. Gewiß ist der Volksstamm,dem wir entsprossen sind, unserer Liebe würdig; gewiß verdient eS jene Sprache, inder uns die Mutter Gott erkennen und zu ihm beten gelehrt hat, daß wir sie hoch-schätzen. Es lasse aber hierbei Niemand außer Acht, daß wir zuerst und vor allemAndern Christen, katholische Christen, und dann erst Deutsche und Czechen sind.. ...
Zwei großartige Anstalten hat Gott der Herr auf Erden zu dem Endzweckeangeordnet, damit sowohl die leibliche als geistliche Wohlfahrt des Menschen geför-dert würde. Ich meine hier die Kirche und den Staat. Wie viel Unheil die Hof-sart in dem einen wie in dem andern Theile schon angerichtet habe, lehrt leider dieGeschichte. Sie erzeugte nämlich in der Kirche, wie der heilige Kirchenvater Augu-stinuS bemerkt, allerlei Ketzerei, die nichts anders ist als Auflehnung gegen jeneunfehlbare Lehrerin, die der Sohn GotteS auf Erden angestellt hat. Nicht anderstreibt die Hoffart ihr Unwesen im Staate. Wie sie nämlich das göttliche Gesetz ver-achtet, so tritt sie auch das menschliche mit Füßen. Der Hoffärtige will Niemandenüber sich haben, und er sträubt sich, einer bestimmten Ordnung und Einrichtung sichzu fügen.....
Der Mensch hat das Recht, ein Eigenthum zu haben, das heißt, etwas solcheszu besitzen, waS er sein eigen nennen könnte. Dieses Recht hat er, weil er einGeist, weil er ein Vernunftwesen, weil er sich selbst bewußt ist. Der Mensch ist einePerson, ein Ich, es muß daher bei ihm auch ein Mein, also ein Eigenthum gebenkönnen. Ursprünglich hat Gott die Güter der Erde dem gesammten menschlichen Ge-schlechte als Eigenthum überwiesen. Nachdem eS aber der göttlichen Gnade durchden Fall verlustig ward, stellte sich die Nothwendigkeit heraus, daß daS Eigenthumder Allgemeinheit ein Eigenthum der Person werde, daS heißt, daß jeder Menschetwaö für sich besonders besitze. Den Grund hiervon einzusehen hält eben nichtschwer. Würden die Güter der Erde Allen zugleich gehören, dann würde derEinzelne um dieselben wenig oder gar keine Sorge tragen. Jeder würde nurgenießen, und Niemand sich durch die Arbeit seiner Hände das tägliche Brod ver-dienen wollen. ....
Jeder hat das Recht, etwas zu besitzen; eS ist aber Niemand berechtigt zu ver-langen, daß die Güter dieser Welt Allen im gleichen Maaße zu Theil würden. Diebestehende ungleiche Vertheilung dieser Güter ist eine natürliche Folge des Sünden-falleS im Paradiese. Gott will, daß Jeder selig werde; er will aber nicht, daß eSzwischen unö weder Reiche noch Arme gebe. Er vertheilt nämlich seine Gaben nachseiner Weisheit, und gibt nach seinem besten heiligsten Willen dem Einen mehr, demAndern weniger. Wie Berge und Thäler auf unserer Erde sein Werk sind, so ist esauch der Reichthum und die Armuth unter ihren Bewohnern. Eö ist nämlich seinWille, daß ein Mensch deS andern bedürfe, daß sich Einer dem Andern nähere, undalso Alle durch daS schöne Band treuer, werkthätiger Liebe und Dankbarkeit alsGlieder Einer Familie verbunden seyen. Darum wäre ein Sinnen und Trachten