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strina, noch Orlando Lasso haben in dem ganzen Schatze ihres GenieS etwas Aehn«licheS aufzuweisen. Diese Musik, wegen der ich, so oft ich einen Leichenwagen voreiner Kirche stehen sehe, in letztere hineinschlüpfe, in der Hoffnung, sie zu hören,könnte eher für eine Offenbarung als für ein menschliches Werk gellen. Leider kannman sie nur hören, wenn der Leichenwagen einen mit den Gütern des LebenS geseg-net Gewesenen zur Kirche bringt. Vor einem Jahre ungefähr starb in Paris einKünstler, der sich durch seine irdischen Leiden längst einen Platz in dem bessern Jen-seits erworben hatte: Chopin . Seine zahlreichen Verehrer und Freunve veranstaltetenihm in derselben Magdalenenkirche ein Todtenamt, und da er gewünscht halte, mansolle MozartS Requiem über seinem Sarge singen, so hat man diesen frommen Wunscherfüllt. DaS beste Orchester von Paris , das des ConservatoriumS, führte die unsterb,liche Composition auf, der Trauermarsch einer Sonate von Chopin war instrumentirtworden und erschütterte durch die ahnende Todtenklage, die in ihm liegt, alle Ge-müther: als aber zu Ende das furchtbare ve prolmrclig erscholl, da erkannte alleWelt, daß eS eine Kunst gibt, welche, über die unserer Jahrhunderte erhaben, demUrsprünglichen und Göttlichen näher steht, als das Höchste, was aus den Zeiten derSkepsis hervorgehen kann. Abgesehen von ibrer ursprünglichen Bedeutung hat, dieseFeier in unserer jetzigen zerrütteten Zeit noch eine andere: die allgemeine Theilnahme,welche der Tod der Herzogin von Angouleme gefunden hat, ist ein Beweis, daß mandie Märtyrer der Revolution zu entschädigen sucht. Aehnliche Feierlichkeiten findenauch in andern Kirchen statt, und als man vorgestern in Versailles ein Todtenamtfür die Tochter Ludwigs XVI. hielt, hatte fast die ganze Stadt Trauer angelegt.(Hann. Z.)
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Rußland.
Der berühmte Schriftsteller Gras Maistre wies schon im Jahre 1812 beiWiderlegung einer Schrift des russischen Erzbischofs von Twer, welche unter demSchutze der heiligen Synode erschienen war, nach, daß diese Schrift im protestanti-schen Geiste abgefaßt sey, und daß der unterrichtete und gebildete Theil der russischen Geistlichkeit ganz denselben Weg verfolge. Maistre fügte hinzu, es beginne in Ruß-land das löte Jahrhundert, das Jahrhundert Luthers, es werde sich dort rasch ent-wickeln und im russischen Reiche, wie überall, die religiöse Gesellschaft umstürzen,darauf werde als nothwendige Folge der Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft folgen.Er bemerkte dabei, die für die Gesellschaft so verderbliche Irrlehre werde in Rußland unter einer andern Gestalt und durch ein anderes Thor eintreten, nämlich in derGestalt der neuern Philosophie und durch die Pforte deS Unterrichts, welche manden höhern und mittlern Classen ertheile. DaS Volk sey schon lange eine Beute derlächerlichsten Irrlehren und des abscheulichsten Aberglaubens. Gegen dieses Uebel,welches er den Staatsmännern, welche des Vertrauens deS Kaisers sich erfreuten,anzeigte, glaubte Maistre, habe Rußland in sich kein wirksames Gegenmittel, einsolches sey nur in der kathol. Kirche zu finden. Diesen Beweis wiederholte Maistrei8l9 in einer Abhandlung über den Zustand des Christenthums in Europa, welcheerst ganz kürzlich veröffentlicht wurde. Jetzt fühlt man in Rußland die Richtigkeitder genannten Voraussagung, aber die ergriffenen Maaßregeln werden der Weiter-verbreitung deS Uebels wohl keinen Einhalt thun können. Der Kaiser Nikolaus hatnämlich in seinen Staaten die philosophischen Fakultäten abgeschafft, und den Unter-richt in der Philosophie, welcher auf Logik und Psychologie beschränkt ist, ausschließ-lich den russischen Geistlichen übertragen. Ist aber die Geistlichkeit, wie Maistrenachwies, selbst vom Irrthum angesteckt, wie könnte sie dann wohl daö leisten, wasman von ihr erwartet? (M. Sbl.)