379
(ein Haupischmuck der Ausstellung) mit Berlin und den Berlinern, oder auch mitDeutschland und seinem nationalen Leben, irgend in Zusammenhang brächte? Es isteben nur ein mit enormem Auswande von geistiger und materieller Kraft zu Standegebrachtes Schaustück, an dem kein höherer Sinn gebildet werden kann, als derFormensinn. Ganz so verhält eS sich im besten Falle mit all' den nackten Göttern,Halbgöttern. Heroen, Musen und Grazien auö GypS oder Marmor, die da zwischenden Calicots, den Messern und Scheeren aus Sheffield, den Knöpfen auS Birming-ham , westindischen Teppichen, Pflügen und Säemaschinen Platz genommen haben.Alle jene Statuen und Gruppen, welche daS griechische Alterthum unS hinterlassenhat, und die wir mit vollem Recht bewundern, sie haben Theile eines großen, nichtbloß architektonischen, sondern lebendigen Ganzen, eineS Organismus, gebildet, dessenBlut gleichsam in ihnen pulsirtz sie redeten nicht bloß zu den Sinnen der Beschauer;sie verkörperten vielmehr Alles, was dem Volke von seinem Jdeenschatze daS Höchsteund Theuerste war. Unsere heutige Kunst wird daher auch nicht eher gesunden, siewird nicht eher aufhören, eine todte Sprache unarticulirt zu stammeln, als bis siesich wieder von demjenigen Geiste inspiriren läßt, welcher, auö der Quelle der gött-lichen Offenbarung strömend, nimmer versiegt und allein die Völker vor Fäulnißbewahren kann. Auch hiesür liefert uns die Ausstellung Belege.
Ein besonderes Local, über dessen Eingang die Aufschrift: ÄlecZievsI Lourt,schon seine Bestimmung bezeichnet, ist von Pugin, dem berühmten Vorfechter derchristlichen Kunstrichtung, ausschließlich mit Werken mittelalterlichen StyleS ausge-stattet worden. Hier sieht man einen vollständigen Altar, nebst allem Zubehör, Bild-werke, Leuchter, Teppiche, Betstühle, Kronleuchter, Stickereien aller Art, gemusterteFußböden, sodann aber auch HauSmobilien, z. B. einen wahrhaft großartigen Cre-denztisch (Büffet), einen Porzellanofen mit Gitterwerk umgeben, Becken aus Metall ic.,alles auf die gediegenste Weise gearbeitet und ein festes scharfes Gepräge an sichtragend. Kein Stück zeigt ein bloß mechanisches Copiren alter Muster; eS ist viel-mehr eine geistige Geburt offenbar dem Wirken der Hand vorhergegangen, eineDurchdringung mit jenen Principien, in welchen die Größe und Herrlichkeit dermittelalterlichen Kunst und selbst ihre Technik wurzelt. Alles gehorcht einem gewissenBildungsgesetze mathematischer Natur, welches in unendlichem Formenwechsel zurErscheinung kommt, während in der Behandlung deS Stoffes stets das Streben nachEchtheit und Wahrheit durchwaltet. Die meisten der hier ausgestellten Gegenständegingen aus der großartigen Werkstätte des Herrn Hardman zu Birmingham her-vor, welche mehrere hundert Arbeiter beschäftigt und u. A. Vieles für die innereEinrichtung des neuen Parlamentshauses, namentlich die kunstreicheren Metallarbeitengeliefert hat. Mitten unter dem Maschinengepolter Birminghams , diesem Wettrennennach möglichst wohlfeiler und folgeweise nach möglichst unsolider Fabrikation, hat insolcher Art die vöhere Kunst eine Stätte gefunden, von welcher bereits eine förmlicheRestauration, insbesondere auf dem kirchlichen Kunstgebicte ausgegangen ist. Derbereits erwähnte Architect Welby Pugin fertigt vorzugsweise die Musterzeichnungcnan. Außer Holz- und Metallgeräthen liefert Herr Hardman auch Glasmalereien undzwar von vorzüglicher Qualität, wie die Ausstellung zeigt. Eine ganze Reihe vonFarbenfenstern in den obern Galerien gestattet eine Vergleichung der verschiedenenHervorbringung in diesem Kunstzweige. Durchgängig sind die im romantischen Styl(auf dunkelblauem Grunde arabeskenartige Laubverzierungen mit Gruppen von kleinenFiguren in Medaillons) ausgeführten die besseren, weil hier der Anschluß an daSAlte am leichtesten ist. Die Franzosen Gerente, Thibaut-Dallet Hermanotvska,Thevenot, Marechal u. A. können sich in dieser Gattung neben den EngländernGibbS, Chance, Gibson und Wailes schon ganz gut sehen lassen; im gothischen Stylhingegen überragt Hardman Alle weit. Seine Farbensenster bleiben vor Allem Fen-ster, d. h. sie lassen das Licht möglichst durchscheinen; die Bilder sind für das GlaSgedacht, musivisch behandelt und haben nichts mit der Manier der Porzellan- undOelmalerei gemein, noch auch mit jenen ganz unkünstlerischen bloßen Zusamm-nstel-
>