Ausgabe 
11 (30.11.1851) 48
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Nationen von Europa durch die moralische, religiöse und intellektuelle Bildung seinesVolkes ausgezeichnet hat. Dieß ist allgemein anerkannt; aber können wir sagen, daßeS sich auch jetzt noch so verhält? Ich furchte sehr, wir haben jetzt keinen Anspruchmehr auf einen solchen Ruf und zehren nur noch von unserm frühern Ruhme. Zwarhat die Bevölkerung unseres Landes und seine materielle Wohlfahrt und Macht bedeu-tend zugenommen; aber, mit Schmerz muß ich es sagen, die Verbrechen haben ineinem viel größern Maaße zugenommen als die Bevölkerung. Nach einer Berechnung,die man kürzlich in Edinburgh und Glasgow angestellt hat, gibt eS allein in diesenbeiden Städten nicht weniger als 150,000 Menschen, welche leben, ohne irgendeinem christlichen Bekenntnisse anzugehören. In unsern andern volkreichen Städtenund Gemeinden ist eS wahrscheinlich nicht anders, und man glaubt, daß mehr als500.000 der Bewohner unseres Vaterlandes ganz ohne Gott leben. DaS kannJeden, der eS mit dem Lande gut meint, nur tief betrüben. Ich glaube nicht, daßder Zunahme der Verbrechen durch strenge Gesetze und Strafen mit Erfolg entgegen-gewirkt werden kann; das Heilmittel ist anderswo zu suchen. Ferner erinnere ichmich, daß in verletzten Parlamentssession einer meiner Freunde im Oberhause eineBehauptung aufstellte, welche mir damals ganz unglaublich vorkam. Der Herzogvon Argyll sagte, bloß in Schottland würden jährlich sieben Millionen Gallonen Brannt-wein verbraucht, so daß auf jeden Schotten, Weiber und Kinder mit eingerechnet,mehr als drei Gallonen kommen. Da man die Richtigkeit der Angabe bezweifelte,sah man amtliche Actenstücke nach, und eS ergab sich, daß mein edler Freund ganzrecht hatte. Rechnet man nun noch die ab, welche keinen Branntwein trinken, soergibt sich ein Grad von Unmäßigkeit, wie er, glaube ich, in keinem civilisirten Landeje vorgekommen ist. Und ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß dieses schänd-liche Laster die furchtbare Quelle von Verbreche» und Schandthaten ist. Dieser Zu-stand bietet für den Freund des Landes keinen erfreulichen Anblick dar. Aber dießist nicht das Schlimmste. Viele leben, ohne an Religionsübungen Theil zu nehmenund einer Konfession anzugehören; das ist beklagenswert!), aber nicht daS Schlimmste:jüngst hat man systematisch und mit teuflischer Thätigkeit unsittliche und irreligiöseSchriften unter dem Volke ausgestreut, und dadurch nicht allein Gleichgiltigkeit gegendie religiösen Uebungen und gegen die heiligsten Wahrheiten, sondern Unglauben undGottlosigkeit verbreitet. Ohne Zweifel ist die Hebung dieser Uebel enge verbundenmit der Verbesserung deS Unterrichtswesens. Darüber will ich nicht mehr sagen, alsdieß: die Vortheile des weltlichen Unterrichts schlage ich nicht gering an, aber wennman daS Herz rühren will, und daS muß geschehen, so ist die Mitwirkung der Re-ligion unentbehrlich. (Beifall.)... Außerdem müssen Kirchen gebaut und fromme,gläubige und liebevolle Geistliche angestellt werden: nur so können wir eine Hebungder Uebel, welche ich beschrieben habe, erwarten."

Die Rede schließt mit folgenden Sätzen:Ich setze voraus, daß die, zu wel-chen ich rede, Mitglieder der schottischen Kirche oder für die Interessen derselbengünstig gestimmt sind. Ich spreche aber nicht von erclusivcm oder konfessionellem Ge-sichtSpuncte aus. Unser Werk ist ein wahrhaft katholisches, und ein solches, zuwelchem alle Konfessionen mitwirken können. Ich freue mich, daß die SlaatSkirchezuerst diese Aufgabe zu lösen versucht; aber ich werde Jedem von Herzen GottesSegen wünschen, welcher an einem so nöthigen und wünschenSwerlhen Werke mitarbeitet. (Beifall.) Jetzt habe ich nur noch ein Wort zu sagen, ich thue eS mitEhrfurcht und heiliger Scheu. Ich kann diese Versammlung nicht als eine politischeoder ökonomische Demonstration ansehen; ihr Zweck ist die Ehre GotteS und daSewige Wohl unserer Mitmenschen. Die Schrift sagt, daß Rechtschaffenheit eineNation groß macht. Wir haben uns großer Segnungen zu, erfreuen gehabt, wirsind weit , sehr weit über Verdienst begnadigt. Zeigen wir unsere Dankbarkeit dadurch,daß wir uns bestreben, zu thun, was vor GotteS Angesicht wohlgefällig ist. Wirhaben Ihn schon um Seinen Segen angerufen, und wenn wir Sein Werk mit Eiferfortsetzen und eS im Geist der Liebe durchführen, dann werden wir Seinen reichen