389
Muster auSersieht, waö nur in den Vorzügen der Alten eine Entschuldigungkann. Diese Art der Verirrung tritt der Wiederbelebung der christlichen KurMjMleicht hindernder in den Weg, als alle Anfeindung ihrer systematischen Gegrje^,^Merkwürdiger Weise hat dasselbe Belgien , welches durch GecrtS so glänzend ver.treten ist, im Nebligen nicht sonderlich viele Proben eines guten Geschmackes, wenig-stens von christlichem Style, zur Ausstellung geschickt; selbst Muster von Geschmack-losigkeit, um nicht zu sagen Abgeschmacktheit, sind nicht eben selten. So stellte unterAndern Vanhalle auS Brüssel drei lebensgroße Wachsfiguren in einem bischöflichenOrnate aus, der an Schwulst, falschem Gleiß und zopfiger Ueberladung kaum seinesGleichen finden dürfte; der Zuschnitt ihrer Gewänder und Jnsignien möchte etwa zurZeit Ludwigs XV. als modisch Anerkennung gefunden haben. Um das Maaß vollzu machen, hat man jene Wachspuppen noch durch blondere Ausschriften als dieErzbischöfe Thomas a Becket, Affre und den noch lebenden Erzbischof von Mecheln bezeichnet. Der Apparat ist zu kostspielig, als daß man das Ganze für eine bloßeSatyre halten könnte. Uebcrhaupt scheint die kirchliche Kunst in Belgien sich derErrungenschaften des vorigen Jahrhunderts noch lange nicht entledigen zu wollen,der Perrückenstyl steht dort uoch in voller Blüthe. Vielleicht in keinem andern katho-lischen Lande wird mehr getüncht, rücksichtsloser restaurirt und unkirchlicher in denKirchen musicirt, und so mag denn auch der zuvor gedachte Mummenschanz in seinerHeimat Anklang finden. In der Ausstellung war um die drei „Wachöbischöfe"immer großes Gedränge, wäbrend die Arbeiten von GeertS durchgängig vereinsamtdastanden. Wie aber auch die große Masse Beifall klatschen mag, ich kann von derUeberzeugung nicht lassen, daß daS so reiche religiöse Leben Belgiens auch nach derkünstlerischen Seite hin deS alten Ruhmes sich neuerdings wieder würdig erweisenwird. 5) In dieser Beziehung könnte es jetzt an Frankreich , woher eS so manchesVerkehrte bezogen hat, auch einmal ein gutes Muster nehmen. Selbst die profaneIndustrie wird nur durch ein Zurückgehen auf die im löten Jahrhundert verlassenenPfade vor vollständigem Versumpfen zu bewahren seyn. Schon jetzt können, wiebereits oben im Eingänge angedeutet worden, die aus dem allgemeinen Formenbreinach in individueller Laune oder, wenn man lieber so will, nach den Anforderungendes TagesgeschmackeS gepreßten und gekneteten Producte der gebildeten Nationendurchschnittlich sich neben denen der uncivilisirten Völkerschaften nicht blicken lassen.Die Stickereien, so wie die mit Gold und Silber ausgelegten Metallwaaren Indiens,EgyptenS und der Barbaresken, die Prachtstoffe PcrsienS, die Filigrane von Tunis ,die Porzellan-, Holz- und Elfenbeinarbciten Chinas zc. :c. lassen Alles derselbenGattung weit hinter sich zurück, was Frankreich, Deutschland und Großbritannien in den GlaSpalast niedergelegt haben. Auf beiden Seiten vermißt man gleichmäßigdie Einwirkung einer höhcrn Idee; aus den heidnischen Bildungen, namentlich denchinesischen und indischen, grinzt unS sogar eine gewisse dämonische Verzerrung ent-gegen. Die Barbaren aber behaupten fast überall den Vorzug der Aechtheit, derGediegenheit der materiellen Durchbildung; sie halten die Surrogate und jedes Schein-gepräge von sich fern; die Formen und Kanten sind scharf geschnitten, die Farbennnd Stoffe durchaus ächt, Alles trägt die Spur der Menschenhand an sich, imGegensatze zu dem verschwommenen, bloß auf den Schein berechneten Gepräge derMaschinerie. Nur wo der hergebrachte Typus, die Traditionen, eine Art von Schulenoch festgehalten worden sind, wie z. B. bei der Anfertigung der brabanter Spitzen,den Filigranarbeiten Genua's, den böhmischen und venetianischcn GlaSwaaren, findetdas Auge in den Hervorbringungen der Kulturländer noch volle Befriedigung, Wielange aber werden die brüsfeler Spitzenklöpplerinnen noch die Concurreuz mit denenglischen Maschinen aushalten, deren Product schon jetzt den unbewachten Blick zutäuschen im Stande ist und dem größten Theile der Modewelt genügt?"
') Manche Symptome stellen bereits einen Umschlaq zum Bessern in Aussicht, so z> A. das,waö in Mecheln für die ächte Kirchenmusik geschieht, und die Restauratiousarbciteu an der Kathedrale
von Tournay, ,^ niKin^»? ii-'.L -n-i MK-M-M »ichi,-» «,? «s? «