Ausgabe 
11 (14.12.1851) 50
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ten Theile wieder vereiniget und sich dann selbst zum Knochen erhärtet; der Dorn,der inS Fleisch eingedrungen, findet nicht lange Ruhe; eS schwäret und eitert undarbeitet, bis der Feind hinausgedrängt ist; der gesunde Magen, der ein Gift in sichfühlet, geräth in Bewegungen und Zuckungen und ruhet nicht, es sey denn dasSchädliche entfernt. Ein Anderes sehen wir an dem schwachen, ungesunden Körper.Der eingedrungene Krankheitsstoff durchdringt alle seine Theile; die Empfindung deserlittenen Schadens ist fast geschwunden; die Wunde erzeugt in dem kraftlosen Fleischwenige oder gar keine Schmerzen; nirgends entwickelt sich eine frische Kraft, welchedas Fremdartige auszuscheiden, die Wunven nnd Gebrechen zu heilen im Stande wäre.

DaS Körperliche nun ist, wie in vielfacher Beziehung, so auch hier ein BilddeS Seelenlebens. ES liegt in der Seele ein gehcimnißvoller Trieb, daS, waS siedrückt, waS sie ängstiget, was ihr Krankheit und Unwohlseyn gebiert, an'S Tages-licht zu bringen. Sie suhlet sich ruhiger, sobald sie ihren innern Schmerz hinaus-gesprochen hat. Dieser Trieb ist so stark, daß selbst der Verbrecher sich immer ver-sucht fühlt, wenigstens Einem von seines Gleichen die Geheimnisse seiner Seele, dieVerirrungen und Schandthaten mitzutheilen; er hoffet irgend einen Trost, irgend eineBeruhigung durch die Mittheilung. Anvere, von diesem innern Triebe gedrängt,eilten hin, sich selbst dem Richter anzuklagen nnd freiwillig der Strafe sich zu unter-ziehen für Vergehen, die kein menschliches Auge gesehen, und die nimmer offenkundigwerden konnten. Nur sehr Wenigen mag eS gelingen, dem innern, gewalligenDränge zu widerstehen, daS Herz ganz zu verschließen: ihr LvoS ist dann dumpfesHinbrüten, Verstockung, Verzweiflung, und in Folge dessen oft Selbstmord.

Der Trieb also, sich auSzusprechen über sein Inneres, seine Verirrungen mit-zutheilen, ist ein gewaltiger und allgemein menschlicher, eben so tief in uns begrün-det, als der Trieb der Selbsterhaltung. -u .win^' Je gesunder nun die Seele ist, d. h. je reiner sie ihre Ebenbildlichkeit mit Gott bewahret hat, desto schneller und stärker entwickelt sie ihre innere Kraft, um dasFremdartige, das Beunruhigende, daS Schmerzende, das Sündhafte auszuscheivendurch offenes, freimüthiges Bekenntniß; je mehr sie dagegen durch frühere Verirrun-gen, durch langes, fortgesetztes Dulden deS moralischen Kranlheiisstoffes schwachgeworden, um so gefühlloser ist sie, um so weniger befähiget zur Rückwirkung gegendaS innere Gift.

Diese einfache Reflexion läßt demnach in dem oben angeführten Ausspruche desSeneca eine Wahrheit erkennen, welche dem Institute der Beicht, auch abgesehen vonseiner göttlichen Stiftung, innern, unläugbaren Werth verleihet. DaS AuSsprechcnder eigenen Verirrungen ist Bedürfniß der Seele, ist Zeichen und Anfang derGenesung.

Wo nun die Seele in dem Grade geschwächt ist, daß sie zu den ersten Athem-zügen deS geschwundenen geistlichen Lebens nicht mehr Kraft hat, da muß der Arzteintreten, und wie bei dem bewußt- und regungslosen Körper, der aus dem Wassergezogen warv, die eingeschläferte Lebenskraft wecken, die noch vorhandenen Funkenanfachen. Und welchem Arzte mag hier der Vorzug gebühren? Demjenigen, derdurch Studien und Gebet sich zu diesem Amte vorbereitet, und von einer höhernObrigkeit für würdig und fähig erklärt ist, oder demjenigen, der nie mit der geist-lichen Arzneikunde und den Seelenkrankheiten sich befaßt hat? Oder wenn daSHerz zum Aussprechen sich gedrungen fühlt, welchem Menschen kann eS dann ohneFurcht sein Vergehen entdecken? Demjenigen offenbar, dessen Lippen mit dem unver-letzlichsten, heiligsten Siegel geschlossen, dessen Herz Mitleid zu haben gelernt hat,dessen Hand im Ramen deS Königs der Ewigkeit das Begnadigungsurtheil unter-zeichnet und hinreichet.

Zum Schlüsse bemerke ich noch, daß der Satz Seneca's nicht vereinzelt dastehtin den Schriften und Religionsbüchern deS HeidenthumS. Aehnliche Sätze findensich in den Eleusinischen Geheimnissen, eben so bei den Brahmanen, Tibetanern,Japanesen, den Peruvianern und Türken. Um nur Eines hier anzuführen; das