Ausgabe 
12 (1.2.1852) 5
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Zwölfter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

Augsburger PsstMung.

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1. Februar

^ 5.

185S.

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Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei«kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann.

In dieser Weise verfloß Charlottens Kindheit, jene ersten Jahre, deren Erinne-rung so süß ist, wenn sie die heiligen Bilder der Familie sich vorführen kann: jenengeliebten Vater, so ernst und zärtlich zugleich, jene Mutter, durch die Freude deSKindeS selbst beglückt, die Schwestern und Brüder, deren Leben an das unsrigegekettet war, mit denen wir alle Zärtlichkeit, alle Mühen und Freuden als Gemein-gut theilten, und die unsere Freunde durch'S Herz sind, ehe sie durch die Bande desBluteS eS geworden. Wir haben es gesehen: Charlottens Gedächtniß konnte sich nichtmit den reizenden Gemälden eines häuslichen GlückeS beschäftigen, Langeweile, Ver-lassenheit und Zurückstoßung machten einen Tag dem andern gleich, und vorzüglichwaren die der Erholung bestimmten Stunden für sie die traurigsten und ödesten.Nachdem sie sich im Haushalt nützlich gemacht, der Stiefmutter und ihrer jungenSchwester Felicie beim Anzug behilflich gewesen war, sah sie gewöhnlich die ganzeFamilie ausgehen auf irgend eine Landpartie oder ein heiteres Essen, und sie bliebdann einsam zu Haus bei einer mürrischen Magd, welche die treue Grete ersetzte,ohne Buch, ohne Erheiterung, da sie weder wie die reichen und glücklichen MädchenGenuß im Innern des Hauses sand, noch wie die armen im Volke die reinen Freu-den eines einfachen FamilienspaziergangS genießen konnte.

Dann durchlaS die gute Charlotte wieder und wieder ihren Katechismus,besonders die Pflichten des Christen, die sie auswendig wußte; sie ging in dem ödenGarten auf und ab, worin ihre junge Mutter sie, die kaum geborne Tochter, so oftauf den Armen umhergetragen; ein anderes Mal, wenn sie nicht wußte, wie sie dieLangeweile ertragen könne, ging sie zu den Fenstern der Straße, um die Kommen-den und Gehenden zu beobachten; aber bald machte der Anblick dieser unbekanntenGestalten sie betrübt, und sie rief dann auS:Weder hier, noch dort habe ich Jeman-den, der mich liebt!" Eines Tages, als sie mehr als gewöhnlich durch diese trübenGedanken gedrückt wurde, suchte sie Zerstreuung, und ging auf einen Schrank zu,in dem sie sich undeutlich bewußt war, einige alte Bücher gesehen zu haben. Wirk-lich hatte man dort die Erbauungsbücher der verstorbenen Frau Henriot aufbewahrt.Sie waren ganz mit Staub bedeckt, so wie auch die Erinnerung an Diejenige, dersie theuer gewesen, mit dem Leichentuch der Undankbarkeit und Vergessenheit verhülltwar. Mit frommer Ehrfurcht nahm Charlotte die Bücher heraus, wählte sich einesaus, und ihr erster Blick fiel auf folgende Legende:

Charlotte Henriot,

oder Ergebung und Aufopferung.

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(Fortsetzung.)

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IV. Traurige Tage.