Ausgabe 
12 (1.2.1852) 5
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-H^^. Schwester Ine s.

Zur Zeit, als die heilige Theresia lebte, sah man in Granada noch einegewisse Anzahl maurischer Familien, welche die Zerstörung ihres unter dem siegrei-chen Schwerte der katholischen Könige gefallenen Vaterlandes überlebten. DieseFamilien, auf dem Boden ihrer Vorältern sich geächtet sehend, lebten in tiefer Zurück-gezogenheit und befolgten mit großer Beharrlichkeit die Vorschriften der Gesetze Mu»hamed'S. Eine unter diesen, die, wie man glaubte, dem königlichen Stamme derAlhamarS noch angehörte, besaß eine Tochter, deren kindliche Anmuth und angebo-rene Tugend ganz Granada bewunderte. Man hatte sich bereits viele Mühe gegeben,dieses weiße und reine Schäfchen der Heerde deS guten Hirten zuzuführen. Hochge-stellte Frauen, heilige Schwestern, fromme Priester hatten eS versucht, diese vonNacht umgebene Seele dem Lichte zuzuführen; gelehrte Reden sowohl, als sanfteUeberredungen, Alles scheiterte an ihr; doch endlich kam die Stunde der Gnadefür Xenie.

Eine christliche Dame, die ihr sehr wohl wollte, führte sie eines TageS in einHospital, wo junge Mädchen, den höchsten Ständen Spaniens angehörend, sich demDienste der Kranken und Presthaften widmeten. Xenie wurde von Erstaunen ergriffenbei dem Anblick dieser langen Säle, dieser Zufluchtsörter für das Leiden, dieserSchulen für die Liebe. Schweigend durchschritt sie dieselben, und sah am Ende deSeinen Saales eine Nonne vor einem Bette knieend, dessen Vorhänge zurückgeschlagenwaren. Auf demselben lag eine Frau, die von einer so fürchterlichen ekelhaftenKrankheit befallen war, daß der Anblick davon unerträglich schien. Die Schwesterwusch jedoch deren Wunden, verband die entstellten Glieder, fand für dieß verlasseneWesen Worte der Güte und Milde, wie diejenigen einer Tochter an eine Müller,einer Schwester an eine Schwester.Diese Nonne", sagte ZcenienS Begleiterin,istdie Tochter deS Herzogs von Cordova."

Und warum ist sie nicht bei ihrem Vater, warum thut sie daS, waS eineSclavin nicht thun würde?"

Weil sie unserm Heilande JesuS Christus gefallen und den Himmel ver-dienen will."

Die junge Maurin antwortete nicht; als sie das Hospital eben verlassen, sahsie auf dem Platze einen alten, sehr ärmlich gekleideten Priester.

Dieser Geistliche," sagte wieder ihre Freundin,ist der Herzog von Candia,Vicekönig von Catalonien ; jetzt nennt man ihn Pater Borgia. Er ist Priester gewor-den, um dem Heilande zu dienen und sich den Himmel zu erwerben."

Xenie antwortete noch immer nichts, aber zwei Tage darauf kam sie zu ihrerFreundin und sagte:

Ich will auch Christus dienen und den Himmel gewinnen!"

WaS Vernunftgründe und Vorstellungen nicht vermochten, das vollbrachtenLiebe und Demuth.

Xenie empfing die heilige Taufe; aber ihre erbitterten Eltern verließen Granada ,und eben so die neue Christin, die sich vergebens ihnen zu Füßen warf, um sie zu-rückzuhalten und sie an den süßen Glauben zu ketten, dem sie nun ergeben war.Sie blieb allein, und von einer heiligen Eingebung getrieben, suchte sie Zuflucht ineinem Kloster der nicht resormirten Carmeliten, Ihr Noviciat trat sie unter dem Namen:Schwester JneS an.

Unsere junge Nonne wäre nun sehr glücklich gewesen, wäre nicht daS Allein-stehen ihr oft centnerschwer auf's Herz gefallen. Die Schwestern wurden von ihrenEltern, Verwandten und Freunden besucht; kein Tag verstrich, wo nicht Viele in'sSprachzimmer gerufen worden wären. Da wurden denn trauliche Gespräche geführt,und die Stunden verflossen in unschuldigen Freuden der Familie und der Freundschaft.Niemals aber wurde der Name Jnes von den Pförtnerinnen ausgesprochen; Keinerfragte nach ihr, Niemand erkundigte sich, ob sie noch Bewohnerin dieser Erde sey;