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sie schien in ihrem Kloster begraben, wie eS die Todten in den Gräbern waren.Dieß betrübte sie oft, sie dachte an ihre entfernten Eltern, an gestorbene oder sie ver-gessende Freunde. Eines TageS, als alle ihre Gefährtinnen zum Gitter gerufenwaren und man in den Hallen deS Klosters daS Echo freundschaftlicher Unterhaitun,gen und heitere Laute hörte, begab sich JneS traurig zur Capelle. Sie warf sich amFuße eines großen KreuzeS nieder, für daS sie besondere Verehrung hegte, und schüt-tete ihre traurige Seele vor Gott auS. Bitter klagte sie ihm ihre Einsamkeit, ihreVerlassenheit, und bat mit Thränen um Trost und Hilfe, sie zu ertragen. Währendsie sich dieser AuSgießung überließ und daS Kreuz fest umfaßt hielt, war eS ihr, alshöre sie eine Stimme aus den marmornen Lippen des Gekreuzigten hervortönen undihr mit unendlicher Süßigkeit sagen: „Meine Tochter, warum betrübst du dich?Genüge ich dir nicht, um dich zu trösten? Bin ich dir nicht Gatte, Bruder, Vater,Freund und Gott? Suche mich im Schatten meines Tabernakels, und du wirst dichnicht mehr über die Einsamkeit beklagen!"
Jnes' Haupt war in den Staub gesunken; Stunden verflossen, und sie verließerst die Capelle, als die Glocke die Schwestern zum Abendbrode rief. Ihr Antlitzstrahlte in ruhiger, heiliger Freude. Von diesem Augenblicke an sagte sie sich immer,wenn die Schwesteru in'S Sprachzimmer gingen, mit sanfter Heiterkeit: „Micherwartet auch ein Freund," und ging dann zur Capelle. Bald hieß eS in Granada ,daß keine Nonne glücklicher aussehe, als Schwester JneS.
Charlotte träumte lange von dieser Legende, von der sie noch nicht alle Einzeln-heiten begriff, deren Sinn aber sich für immer ihrer Seele einprägte.
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V. Ein schöner Tag.
St. Wulfran, die alte sächsische Kirche, hatte ihr Festkeid angelegt, der Altarstrahlte von Lichtern und duftete von Blumen, und die sacramentalische Sonne leuch,tete über dem Heiligthum. Es war der Tag der ersten heiligen Communion. DieKinder hatten im Chor Platz genommen; unter den verschleierten, weißgekleidetenMädchen bemerkte man ein blasses und zartes Köpfchen, dessen Züge Spuren längernLeidens trugen, das aber jetzt durch daS Gefühl einer unendlichen, heiligen Freudeverwischt war. Dieses Kind war Charlotte, dem glücklichsten Augenblicke ihres LebenSnahe, da sie zum ersten Male dem heiligen Tische sich nähern durste.
Seit einem Jahr hatte dieser große Gedanke sie einzig beschäftigt. Sie, dievon Allen verstoßen war, sollte ihren Gott empfangen; sie, die Niemand zu liebenschien, sollte von Ihm so geliebt werden, in den vollen Besitz der Rechte der KinderGolteS, einer Tochter der Kirche, einer Erbin deS himmlischen Reiches gelangen, sie,die der Gegenstand der Vernachläßigung, der Verachtung ihrer nächsten Angehörigenwar. . .. Dieser Gedanke hatte alle ihre Stunden ausgefüllt, und da er immer inihrem gläubigen Herzen lebendig blieb, so hatte er alle Empfindungen ihr eingegeben,alle ihre Wünsche geregelt und alle ihre Handlungen geleitet. Es schien, als habeCharlotte den Glauben als köstliches Erbtheil aus dem letzten Kusse, dem letztenSeufzer ihrer Mutter empfangen. Wie groß war auch die Erhebung und das Glückihrer Seele nahe vor dem Hinknieen zum heiligen Mahle, wie war sie mit der dop-pelten Krone der Unschuld und deS Unglücks geschmückt! Weniger glücklich, als ihreGefährtinnen, fand sie sich als Waise an dem Hochzeitsinahle ein, ihre Eltern warennicht zugegen, keine andern FreundeSaugen ihr nahe, als die der guten barmherzigenSchwestern, bei denen sie ihren Katechismus gelernt hatte; aber was war ihr diesie umgebende Einsamkeit? Sollte sie nicht am heiligen Tische den Gott finden, indem alle Güter sind, Denjenigen, der verlassenen Seelen Alles wird? Diese Gewiß-heit erfüllte ihr Herz, und unter diesen jungen Mädchen war keine, die daS leben-dige Brod mit feurigerem Glauben, mit ehrfurchtsvollerer Liebe, tieferer Freude uudunaussprechlicherem Danke empfangen hätte, als die arme Charlotte, welche nunzum ersten Male glücklich war. Eine heilige Stille verbreitete sich in ihrer Seele,glücklich wie Maria, die Jesuö zu Gaste lud, schwieg sie wie Jene, und blieb mit