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ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu Füßen des Heilandes. Endlich sagte sie mit der Ein-salt eines Kindes, das seinen Vater um Rath fragt: „Herr, was willst du, daß ichthun soll? du gibst dich mir ganz hin — waS soll ich dir geben?"
Mehrmals wiederholte sie dieses Gebet und es schien ihr (wie sie selbst nachhersagte), daß ein neuer Gesichtskreis von da sich ihr geöffnet. DaS Schöne, das Guteerschien ihr da in seinem höchsten Reize, sie verstand auS Eingebung die evangelischenTugenden: die Sanftmuth, die vaS Erdreich sich unterwirft; die Demuth, welche denHimmel gewinnt; die Geduld, die unS zum Herrn unseres eigenen Herzens macht;die Liebe, welche deS Gesetzes Erfüllung ist; die Verzeihung aller Beleidigungen, dieunS dem Sohne Gottes ähnlich macht. .. Sie verstand, was Niemand ihr gelehrthatte, und von der sie durchglühenden Liebe GotteS erfüllt, rief sie mehrmals aus:„Ja Herr, um dir zu gefallen, will ich gut, will ich sanft seyn; ich will meineStiefmutter, meine Geschwister lieben, mit Geduld leiden, und werde sie durch Liebeendlich gewinnen, und wenn eS mir schwer wird, dann will ich an dich denken,mein Erlöser!"
Dieser Bund wurde gewiß im Himmel besiegelt, Charlotte fühlte dieß an demsüßen Frieden, der ihr ganzes Wesen durchdrang.
Sie verließ die Kirche still und glücklich, jedoch wurde ihr das Herz schwerer,je mehr sie sich dem väterlichen Hause näherte.
Ihr Vater saß im Comptoir vor einem großen Buche; schüchtern ging sie aufihn zu und blieb einen Augenblick vor ihm stehen, ohne daß er aufsah; endlich vonder in ihrem Herzen überströmenden Zärtlichkeit getrieben, nahm sie seine Hand undküßte sie. „Ach, du bist es, Charlotte, sagte er, eS ist schon gut; laß mich jetzt,ich habe zu thun." Und mit trockner Miene wandte er sich zu der Feder und denZiffern zurück.
Traurig, aber nicht entmuthigt, ging jetzt Charlotte ihrer Stiefmutter entgegen,bereit ihr einige herzliche Worte zu sagen; aber Frau Henriot warf ihr einen eiS,kalten Blick zu und rief auS: „Ach, Sie sind eS Fräulein, und noch in großerToilette I Legen Sie das doch schnell ab und helfen sie Gertruden den Tisch decken."Die Tochter gehorchte ohne Widerrede, ohne Murren; denn an diesem Tage fing jadie Uebung aller Tugenden an, die sie auS dem Herzen des Heilandes schöpfte; vonnun an sollte ihre Seele wie eine zu Boden getretene Blume den köstlichsten Wohl-geruch der seltensten Tugenden um sich her verbreiten.
VI. Das Innere der Familie.
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Es war Abend; die Familie Henriot war in dem kleinen Saale vereint, derhinter dem Laden lag. Der Vater saß an einem von einer Carcel-Lampe hell erleuch-teten Tische; er durchsah Handlungsbücher, und je mehr Seiten er darin nachschlug,desto sorgenvoller wurde seine Stirn. Da er vergnügungssüchtig und oberflächlichwar, so belästigten ihn seine Pflichten, und mit dem Verluste seiner ersten Gaiiinhatte er auch die ihm gleiche Gehilfin verloren, deren sanfter Beistand ihm die Arbeitlieb und leicht gemacht hatte.
Frau Henriot saß an der andern Seite des KaminS; ihre ausgesuchte Toilettezeigte, daß sie Ansprüche mache, welche die Zeit noch nicht geschwächt halte; nachzwölf Jahren war sie noch dieselbe kokette und harte Frau, nachsichtig gegen sich selbstund unbeugsam gegen Andere; ihr ganzes Leben zeugte von der Wahrheit des Spru-ches von la Bruyere: „Weichlichkeit gegen sich und Strenge gegen Andere sind einund dasselbe Laster." — Ohne sich um die traurige Miene ihres Gatten zu kümmern,laS sie einen Roman und vergoß Thränen über das Unglück einer eingebildeten Heldin.Ihre Tochter Felicie, vor einem Ciavier sitzend, versuchte die Begleitung einer Ro-manze, während Julian, der Bruder, unter dem Vorwande, zu studiren, die Carri-caturen seiner Lehrer auf die Ränder eines Schulbuches zeichnete. Am andern EndedeS Tisches, fern vom Feuer, so wie vom Lichte, nähete Charlotte Leinenzeug undheftete von Zeit zu Zeit unruhig forschend das Auge auf die düstern Züge deS VaterS.