Sie war jetzt achtzehn Jahre alt. AlleS, waS ihre harmlose Kindheit auf den Knieender Mutter versprochen, Alles, was ihre geprüfte frühe Jugendzeit unter der Herr-schast einer gegen sie eingenommenen Familie angekündigt, hatte Charlotte gehalten.DaS Feuer dcS Unglücks hatte ihre Seele geläutert und die Leiden, welche gemeineHerzen selbstsüchtig und hart machen, hatten in das ihrige eine unerschöpfliche Quellevon L>ebe, Milleid und edlen Gefühlen gegossen. Da sie bis zur Aengstlichkeit wahr,sanft, nachsichtig ohne Schwäche, geduldig bis zur Ermüdung ihrer Verfolger war,so hatte sie durch dieß Alles den Ihrigen unwillkürliche Ehrfurcht eingeflößt. IhreStiefmutter haßte sie noch stets, ja, wohl noch mehr, als früher, wegen der Ach-tung, die Charlotte ihr einflößte, aber sie durfte dieses Gefühl nicht mehr öffentlichzeigen. Zuweilen suchte der Vater ihren Rath nach, war aber gewöhnlich zu schwach,denselben zu befolgen; denn dieser war immer fest und edelmüthig. Julian liebte seineältere Schwester, die so oft seine leichtsinnigen Streiche wieder gut machte; Feliciehingegen hatte von ihrer Mutter gelernt, Charlotte zu verabscheuen aus dem GrundedeS Frau Henriot immer gegenwärtigen AuSsprucheS: „Sie wird 30,000 FrcS. besitzen,und meine Kinder werden nichts haben."
Mit geduldiger und engelgleicher Sanftmuth ertrug Charlotte die heimlichenKränkungen und die stummen Uugerechtigkeiten, wodurch sie fast erdrückt wurde; Gott allein war der Vertraute ihres Kummers; vor der Welt hatte sie nur Worte deSFriedens und der Versöhnung für Diejenigen, durch welche sie litt. Jenen Abendgesellte sich zu ihren gewöhnlichen Leiden eine lebhafte Sorge für das Schicksal ihresVaters; sie ahnte irgend ein trauriges Ereigniß und fürchtete dieß mehr für Andere,als für sich. Es herrschte große Slille, durch Verdrießlichkeit und Traurigkeit her-vorgerufen; endlich rief Henriot auS:
„Niemals werde ich die beiden Enden dieses JahreS zusammenknüpfen I DieEinnahme vermindert und die Ausgabe vermehrt sich."
„Nun, und dann?" fragte Melanie mit Bitterkeit.
„Nachher, Madame? — — der Bankrott I Wir sind auf dem breiten Wegezum Hospital." —
„Großer Gott!" rief Charlotte auS.
„Ach, das Fräulein fürchtet, unser Elend zu theilen; sie seufzt im Voraus dar-über! --Vergiß jedoch nicht, Charlotte, daß deine Ellern , deine Geschwister
nichts--tröste dich — sie werden auf Stroh schlafen, und du aus Federn---"
„Liebe Mutter," erwiderte die Stieftochter ruhig, „ich habe diesen Verdachtnicht verdient; aber eS ist wahr, die Zukunft, welche ich vorhersehe, erfüllt mich mitSchmerz. Hat der Vater denn keine Aussichten auf Hilfe mehr?"
„Für einen mehr oder weniger entfernten Fall weiß ich keine--"
Charlotte war aufgestanden; eine schwache Röche färbte ihr sanftes und blasseSGesicht:
„Könnte eine gänzliche Aenderung unserer gewohnten Lebensweise uns nichtretten?" fragte sie.
„Wie verstehst du daS?"
„Erlaube, lieber Vater, daß ich mich erkläre: Du sagst, daß unser Handelwenig blühe und unsere Ausgaben die Einnahme übersteigen; könnten wir da nichtein Gleichgewicht hervorbringen?"
„Das Fräulein schlägt Einschränkungen vor; sie würde ohne Zweifel die Letzteseyn, sich in dieselben zu sügen."
„Nein, liebe Mutter; denn wenn der Vater mich hören wollte, so würde erseine beiden Gehilfen im Comptoir verabschieden und mir erlauben, den einen zu er-setzen; ebenfalls würde er nur eine Magd halten; und ich würde mich bemühen, dieObliegenheiten der fehlenden zu erfüllen; unsern Tisch würde ich vereinfachen undendlich mir gestatten, die durch meinen Vormund mir für meine Toilette und meineAnnehmlichkeilen zugestandene Pension zur Erziehung für die Geschwister zu verwen-den. Diese Aenderungen, meine ich, müßten unsere Lage verbessern und das allge-